Mittwoch, 12. März 2025

Massaker an Alawiten – ein kalkulierter Tabubruch?

Trauernde Frauen vor getöteten Angehörigen (Quelle: X)

In der Küstenprovinz Latakia wurden in den vergangenen Tagen hunderte alawitische Zivilisten massakriert. Einiges spricht für ein kalkuliertes Vorgehen der neuen syrischen Machthaber.

Massaker an den Alawiten

In der Küstenprovinz Latakia sind in den vergangenen Tagen hunderte alawitische Zivilisten massakriert worden – infolge von Gefechten zwischen Loyalisten des ehemaligen Assad-Regimes und bewaffneten Einheiten der neuen syrischen Regierung, wie es hieß. Faktoren sprechen allerdings für ein bewusstes Vorgehen der neuen Machthaber in Damaskus.

Der syrische Interimspräsident Ahmad al-Sharaa versprach Aufklärung. Er kündigte die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses und eines „Komitees für zivilen Frieden“ an, um die Gräueltaten an der alawitischen Bevölkerung aufzuarbeiten. Er habe mit der Eskalation gerechnet, so al-Sharaa, und warnte Assad-Loyalisten vor weiteren Aufstandsversuchen gegen seine Truppen. „Sonst ist es zu spät“, drohte er.

Was sich in der Küstenregion Latakia abspielte, bestätigt die schlimmsten Befürchtungen kritischer Beobachter. Die mittlerweile herrschenden islamistischen Regierungstruppen – vormals unter dem Banner von Hayat Tahrir al-Sham (HTS) vom Westen als Terrororganisation eingestuft – haben offenbar gezielt hunderte Zivilisten ermordet. Menschen wurden allein aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit getötet. Es scheint ein gezielt statuiertes Exempel der neuen Herrscher in Damaskus gewesen zu sein: Wer aufbegehrt, dem wird der kollektive Schutz des Staates entzogen.

Konkrete Hinweise stützen diesen Verdacht. So warfen Kämpfer von al-Sharaa über dem Dorf Dalieh – einem bedeutenden Wallfahrtsort der Alawiten mit hunderten Mausoleen – Fassbomben ab. Der Angriff, so der Syrien-Experte Fabrice Balanche, richtete sich eindeutig gegen die gesamte alawitische Gemeinschaft.

Brüchige Einheit

Unter den islamistischen Rebellen brodelt es offenbar schon länger. Viele Kämpfer dürften kaum bereit sein, al-Sharaas öffentliches Bekenntnis zur Einheit Syriens und zu Sicherheitsgarantien für religiöse Minderheiten wie Christen, Drusen und Alawiten  ohne weiteres mitzutragen. Ein riskanter Schritt für den ehemaligen al-Qaida-Kader, der teils im Westen wie ein Hoffnungsträger gefeiert wird. Viele seiner Gefolgsleute haben mit den Alawiten noch offene Rechnungen: nicht nur, weil sie die Machtbasis des Assad-Regimes stellten oder viele der gefürchteten Shabiha-Milizen aus ihren Reihen kamen – sondern auch, weil Alawiten als schiitisch geprägte Glaubensgemeinschaft von vielen Islamisten grundsätzlich nicht als Muslime anerkannt werden.

Entsprechend werden Alawiten seit Beginn des Bürgerkriegs in der islamistischen Propaganda abwertend als „Nusairiya“ bezeichnet – ein Begriff, der ihre religiöse Identität delegitimieren soll. Wer nach dschihadistischer Logik nicht zum Islam gehört, gilt als legitimes Ziel – verbal wie physisch. Takfiristische Narrative öffnen so den Weg zur systematischen Vernichtung.

Ein schwer beschädigtes Image

Schätzungen zufolge wurden bis zu 1.300 Zivilisten innerhalb weniger Tage ermordet – ein Massaker in einem Ausmaß, wie es seit der Schreckensherrschaft Bashar al-Assads nicht mehr dokumentiert wurde. Menschen wurden in Reihen aufgestellt und exekutiert, Familien in ihren Häusern überfallen, Dorfgemeinschaften in Pickup-Trucks verschleppt und an Hinrichtungsorten getötet. Viele Täter filmten ihre Verbrechen. 

Anhänger des neuen Regimes verweisen auf angebliche Provokationen von Assad-Loyalisten, die die Gewalt ausgelöst hätten. Doch unabhängig davon ist der Schaden für das Image der neuen Regierung erheblich. Zwei mögliche Erklärungen drängen sich auf: 

Erstens könnte die Integration der HTS in die „syrische Armee“ ein reiner PR-Schachzug gewesen sein – ähnlich wie frühere Namenswechsel von „Jabhat al-Nusra“ zu „Jabhat Fath al-Sham“ und schließlich zur HTS. In diesem Fall existiert derzeit keine reguläre Armee, sondern ein loses Geflecht islamistischer Brigaden, die weiterhin als Machtinstrument al-Sharaas fungieren. Insofern könnten die Massaker eine bewusste Botschaft aus Damaskus an die alawitische Gemeinschaft gewesen sein.

Zweitens ist es auch möglich, dass al-Sharaa seine Truppen nicht im Griff hat – und sich die optimistischen Einschätzungen westlicher Beobachter, wonach sich die HTS reformiert und diszipliniert habe, als wenig realistisch erweisen. Proteste im Vorjahr gegen die HTS legten dies bereits nahe. Im Fall eines solchen Szenarios wäre al-Sharaa zu einem massiven Durchgreifen in seinem Machtapparat gezwungen, um zukünftige Alleingänge seiner Truppen zu unterbinden.

Es sei allerdings an der Zeit, so der Forscher Fabrice Balanche, dass die Verantwortung von Ahmad al-Sharaa und der HTS nicht weiter unterschätzt werde. "Diese Operation war in der Tat sorgfältig von Damaskus aus geplant. Seit drei Monaten sind Alawiten Ziel nicht eingestandender Attentate und werden für alles Übel des Landes verantwortlich gemacht." Europa dürfe al-Sharaa nicht in seinem Streben nach absoluter Macht unterstützen.

Widersprüchliche Signale

Besonders irritierend wirkt, wie rasch westliche Diplomaten und Minister nach al-Sharaas Machtübernahme das Gespräch mit der neuen Regierung suchten. Auch Außenministerin Annalena Baerbock reiste zügig nach Damaskus. Wie das in deutschen Sicherheitsbehörden wahrgenommen wird, die seit Jahren gegen HTS-Netzwerke ermitteln, bleibt offen. Auch dürfte man derzeit aufmerksam beobachten, ob ausgereiste Personen an der Gewalteskalation beteiligt gewesen sein könnten: So begleitete Samet D., ein ausgereister Islamist aus Hanau, al-Sharaas Truppen in Latakia. Ein weiterer HTS-Sympathisant in Syrien sprach öffentlich über soziale Netzwerke von einer „großen Säuberung der verfluchten Nuseriya“ und einer „großen Abrechnung“. Zahlreiche ausländische Kämpfer waren in den vergangenen Tagen in der Region aktiv.

Mit dem Rücken zur Wand

Die politischen Spielräume al-Sharaas sind seit den Massakern deutlich geschrumpft. Er steht innenpolitisch unter Druck, seine Machtbasis zu sichern – und muss sich gleichzeitig außenpolitisch als moderater Staatsführer präsentieren. Beobachter gehen davon aus, dass er dabei durch andere Staaten strategisch beraten und unterstützt wird. Doch langfristig wird er sich nur halten können, wenn ethnischen und religiösen Minderheiten weitgehende Autonomierechte und politische Mitsprache zugesichert werden – verfassungsrechtlich garantiert und durch eine funktionierende Sicherheitsarchitektur abgesichert. Gespräche mit den Drusen und der SDF deuten auf diesen Weg hin. Ob er erfolgreich beschritten wird, hängt wesentlich vom Verhalten der islamistischen Truppen in den betroffenen Gebieten ab.

Unklar bleibt indes, wie al-Sharaa künftig mit den Alawiten umgehen will. Auch der Westen müsste sich diese Frage stellen – besonders in Anbetracht der Überlegungen, Sanktionen aufzuheben und finanzielle Hilfen auszuweiten.  Die Massaker von Latakia zeigen deutlich: Jede Unterstützung müsste an klare Bedingungen geknüpft sein – etwa an die echte Auflösung und Entwaffnung islamistischer Kampfverbände sowie an die Rückführung ausländischer Kämpfer in ihre Herkunftsländer.