Freitag, 19. Juni 2026

Die "Taliban-Lobbyistin"

Farah M. dürfte zu den einflussreichsten Frauen in Afghanistan gehören. Als Aktivistin tritt sie seit Jahren als Sprachrohr der Taliban auf. Hinweise deuten darauf hin, dass sie eine Zeitlang in Deutschland lebte und von dort aus ihren Weg zu einem weiblichen Sprachrohr des Regimes ebnete. 

Die Taliban-Liste

Am 20. September 2024 veröffentlichte Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid eine Direktive von Premierminister Hasan Akhund. Darin enthalten war ein Befehl an die afghanischen Imame: "Wir rufen jene Gelehrte auf, die über soziale Medien kontroverse Themen aufgreifen, sich unbedingt von schädlichen Debatten und Diskussionen fernzuhalten. Denn solche Diskussionen führen dazu, dass die Menschen den richtigen Weg verlieren, Konflikte und Unsicherheiten in der Gesellschaft entstehen und letztlich Unruhe und Zwietracht hervorgerufen werden." Stattdessen, so Akhund, sollten sie sich Themen widmen, die mit der Alltagsrealität der Afghanen im Einklang stünden. Wer dagegen verstoße, der sei aus den Religionsschulen zu verbannen und dürfe nicht mehr zu öffentlichen Veranstaltungen und Feierlichkeiten eingeladen werden

Was sich liest, als hätten die Taliban mit ihrer Anordnung extremistische Strömungen bekämpfen wollen, entpuppte sich wenig später vor allem als Angriff auf den Sufismus im Land, einer weitaus moderateren islamischen Strömung als die Mischung von erzkonservativen Stammes- und Religionssitten der Taliban.

Universitätsprofessoren und Exilanten protestierten damals drei Tage später gegen den "Angriff auf die Religionsfreiheit". Der Sufismus biete eine wesentlich tolerantere Interpretation des Islam als die der Taliban. Er fördere die spirituelle Reflexion, die Koexistenz der Religionen und die Toleranz in der Gesellschaft. Die Taliban bangten durch den Sufismus um ihre politische Macht, so der Vorwurf der Kritiker.

Am selben Tag fiel dem "Afghanistan Journalists Centre" (AJC) ein Dokument in die Hände, das vom afghanischen Ministerium für Information und Kultur an afghanische Medien verschickt worden war. Darin standen weitere Anweisungen, die mit der vorhergegangenen Direktive von Premierminister Akhund offenkundig in Verbindung standen. So verbot das Ministerium den Medien politische Diskussionsrunden live auszustrahlen. Die Themen müssten vorab abgestimmt und freigegeben werden. Außerdem sollten Medien zu Debatten nur noch solche "Experten" einladen, die von den Taliban auf einer Liste als solches zugelassen werden sollten. Wer dagegen verstoße, drohte das Ministerium, hätte mit Bestrafungen zu rechnen. 

Auf X kursierte damals zeitgleich die kolportierte Liste von "Experten", die offenkundig allesamt den Taliban nahestanden. Unter den 62 aufgeführten Personen waren überraschend auch zwei Frauen. Eine der beiden heißt Farah M. Internetspuren weisen darauf hin: die Afghanin hat offenbar eine Vergangenheit in Deutschland und ist eine von wenigen Frauen bei den Taliban, die in deren Machtapparat eine relevante Rolle  spielt.

"Frauenfeindin"

Farah M. ist etwa Anfang bis Mitte 40-Jährige und hat eine energische Stimme, wenn sie in Pashto oder Englisch Reden hält – mitunter wirkt sie auch aggressiv. So wurde sie damals schon von vielen kritischen Afghanen wahrgenommen und beschrieben. Seit Jahren ist sie im afghanischen Fernsehen präsent. Damals stellten Moderatoren sie als "politische Analystin", "Frauenrechtlerin" oder "Menschenrechtsaktivistin" aus Deutschland vor. M. selbst bezeichnete sich als Kriminologin, Psychologin und Politikwissenschaftlerin. An anderer Stelle führt sie sogar einen Doktortitel. Immer wieder wurde sie von afghanischen Medien als Gesprächspartnerin eingeladen – einmal auch für ein Diskussionsformat des arabischen Formats der "Deutschen Welle". 

Farah M. wohl in Deutschland (2022)

Als sie noch in Deutschland lebte, mutmaßlich im Osten, will Farah M. schon früh im Rahmen von afghanischen Menschenrechtsorganisationen aktiv gewesen sein. Als junge Frau habe sie im Jahr 2001 an der Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg in Bonn teilgenommen, berichtete sie in sozialen Medien. Dann, fast zwanzig Jahre später, im Jahr 2019, soll sie auch an der Intra-afghanischen Friedenskonferenz in Doha unter Leitung von Katar und Deutschland teilgenommen haben. Bei den damaligen Gesprächen wurde über die Zukunft Afghanistans auch unter Einbeziehung der Taliban diskutiert. M. will dort erstmals mit Mitgliedern der späteren Taliban-Führung wie Abbas Stanikzai (bis Januar 2025 stellv. Außenminister) und Amir Khan Muttaqi (amtierender Außenminister der Taliban) in Kontakt gekommen sein. Ob M. wirklich an den Konferenzen teilgenommen hat, dafür gibt es bislang keine Belege. Auf  damaligen Teilnehmerlisten fehlt ihr Name. Im selben Jahr gründete M. eine Denkfabrik "der gläubigen und engagierten Schwestern Afghanistans", die bis heute existiert und sich erzkonservativen Zielen verschrieben hat. 

Tatsache ist jedenfalls, dass M. seit der Machtübernahme der Taliban 2021, die sie auch in deutscher Sprache auf ihren Social Media-Kanälen euphorisch bejubelte ("Wir wollen die islamische Flagge!"), von Deutschland aus in afghanischen Medien zunehmend bekannt wurde. Sie schien damals bereits eine Doppelrolle einzunehmen: einerseits inszenierte sie sich als Kämpferin für Frauenrechte in Afghanistan, gleichzeitig relativierte sie die Kritik am Umgang der Taliban mit den afghanischen Frauen oder nahm erstere vor Kritik in Schutz. 

Die Taliban gewährten Frauen die Rechte, die die Scharia für sie vorsehen würde, meinte sie beispielsweise in einem Interview mit dem afghanischen Fernsehsender "Afghanistan International". "Wir wollen keine westliche Demokratie oder Werte. Was hat die westliche Demokratie in den letzten 20 Jahren gebracht?". Vieles brauche ohnehin Zeit, weil Afghanistan einen großen Reformbedarf habe, so M. in einem anderen Interview mit dem Sender "shamshad TV". 

"Wir sind Teil dieser Welt, aber das Wichtigste für uns ist, dass die göttlichen Gesetze in Afghanistan umgesetzt werden [...]. Die Besatzung von den Juden und Christen hat unsere Kultur, unser Bildungssystem, unser Arbeitsleben und unsere Regierungsführung betroffen. [...] Wir können die Schäden, die in den letzten 22 Jahren entstanden sind, nicht innerhalb von zwei Jahren beheben. Es wird Zeit brauchen, um signifikante Fortschritte für die Frauen in Afghanistan zu erzielen."

Farah M. im afghanischen Fernsehen

Die öffentlichen Auftritte von Farah M. lösten in der afghanischen Exil-Opposition und unter Frauenaktivistinnen schon damals Entsetzen aus. Als M. nach und nach nur noch im Burka auftrat, reagierten manche mit Spott. Als "Nonne" wurde sie wegen der teils ungewöhnlichen Farbkombination ihrer Kleidung verunglimpft. Viele User im Internet forderten zudem von den Medien, M. als Expertin nicht mehr einzuladen. Afghanen in Deutschland stellten die Frage, warum M. als Talibanunterstützerin nicht längst dort verhaftet worden sei. Vor allem wurde vielfach die Frage aufgeworfen, wie sich eine Frau, die in Europa alle Freiheiten genoss, sich über das Leben ihrer Geschlechtsgenossinnen in Afghanistan derart äußern konnte. 

"Wenn du gegen den Westen sprichst, frag' dich, wo du wirklich stehst. Wenn du die Prinzipien und Gesetze Deutschlands nicht anerkennst, was machst du dann dort? Wenn jemand wirklich über islamische Werte sprechen will, sollte er auch in Afghanistan sein", warf ihr die Aktivistin Monisa M. vor, die von den Taliban wegen ihrer führenden Rolle bei Frauenprotesten verfolgt wurde. Die Journalistin Sahar S. warf M. in einer anderen TV-Debatte vor, eine "Taliban-Lobbyistin" und "Frauenfeindin" zu sein, die die "Geschlechterapartheid" in der afghanischen Gesellschaft systematisch fördern würde: "Es ist offensichtlich, dass Sie von den Taliban oder anderen, die Ihnen Einfluss und Macht gegeben haben, beauftragt wurden, diese Worte zu sprechen. Warum leben Sie dann in einem der Länder der "Besatzer"? Wenn Sie wirklich an den Taliban und ihren Ideologien interessiert sind, kehren Sie zurück und leben Sie unter ihrer Herrschaft."

Ausreise ins islamische Emirat

Farah M. kam diesen Forderungen schließlich wohl auch nach. Etwa im Laufe des Jahres 2022 reiste sie nach Afghanistan aus und mischt seitdem im Machtzentrum der Taliban, in Kabul, am Aufbau des islamischen Emirats mit. In zahlreichen institutionellen Bereichen tauchte sie bislang als eine der wenigen Frauen in repräsentativen Funktionen auf: sie nahm an internationalen Konferenzen der afghanischen Handelskammer und des Außenministeriums teil, empfing Vertreter von ausländischen Delegationen wie von der "Organisation für Islamische Zusammenarbeit" (OIC) und wirkte auch als Propagandistin im afghanischen Fernsehen und auf TikTok mit. 2023 gründete sie zudem eine Stiftung, die sich auf Grundlage "islamischer und kultureller Prinzipien" Afghanistans den "Rechten von Frauen und Kindern" widmen wolle. Aussagen von M. auf der Plattform X gegenüber dem Sprecher des Informations- und Kulturministerium, Abdul Haq Hammad, deuten darauf hin, dass ihre Organisation sich um inhaftierte Frauen kümmert, die womöglich wegen religiöser Gesetzesverstöße verurteilt wurden und entsprechend durch sie zu "hervorragenden Müttern der zukünftigen Generation in der islamischen Welt" erzogen werden sollen. 

So ergibt sich dann ein paradoxes Bild: Farah M., eine emanzipierte Frau mit akademischer Bildung, versucht die erzkonservative Geschlechterpolitik der Hardliner unter den Taliban zu legitimieren. Und das trotz der Tatsache, dass die Regierung in den letzten Jahren die Frauenrechte Schritt für Schritt schleifte. 2022 nahm die oberste Führung beispielsweise das monatelange Versprechen zurück, älteren Mädchen den Zugang zu weiterführenden Bildungseinrichtungen zu ermöglichen und erließ harsche Kleidungs- und Verhaltensvorschriften für Frauen und Männer. In den darauf folgenden Jahren wurden Frauen weitgehend aus der Arbeitswelt verbannt. 

Transnationale Kontakte

Auch der internationale Dschihad spielt in Farah M.'s Welt eine Rolle. Kommentare zu Konflikten und Entwicklungen in Ländern wie Syrien rezipierte sie in der Vergangenheit auf ihren Social Media-Kanälen. So könnten auch die Kontakte zu Netzwerken auf transnationaler Ebene entstanden sein, die M. offenkundig unterhält. Dazu zählt beispielsweise der aus Hanau stammende Samet D., dem M. vor Jahren ein Interview gab. Aus diesem Gespräch geht ebenfalls hervor, dass M. über den Westen keine sonderlich gute Meinung hat: Man sei stolz, dass sich das afghanische Volk von der Besatzung und Kolonialisierung durch westliche Mächte habe befreien können. Diese hätten zuvor viel Elend, Folter und Zerstörung gebracht. "Die Invasoren – die USA und die NATO – haben alles Mögliche getan, um die afghanische Nation zu kontrollieren und zu versklaven", so M.

Mit den Taliban und dem islamischen Emirat seien nun Frieden, Stabilität und Zufriedenheit in das Leben der Menschen zurückgebracht worden. Die "Ältesten" des Emirats würden alles in ihrer Macht stehende tun, um den Menschen mit dem Gesetz der Scharia zu dienen. "Ich lebe hier und bin Zeugin. Wir haben Sicherheit im ganzen Land." Sie selbst sei nach Afghanistan zurückgekehrt, um sich am Aufbau des Landes zu beteiligen. "Afghanistan ist heute das einzige wirklich freie muslimische Land der Welt." 

Auf die Frage von Samet D., was Farah M. auf die "westliche Propaganda" antworten würde, der zufolge sich die Situation der Frauen in Afghanistan massiv verschlechtert hätte, reagierte letzteres: "Wie Sie selbst gesagt haben, ist das Propaganda. Das ist die Art der westlichen Medien, die Menschen zu manipulieren und zu beeinflussen. Ich bin eine stolze afghanische Frau. Ich bin im Westen aufgewachsen, und nach der Machtübernahme des Islamischen Emirats Afghanistan habe ich mich bewusst entscheiden, dorthin zu kommen und hier unter der weißen Fahne der Freiheit zu leben – die Fahne Muhammads." Die Taliban seien nicht gegen Bildung, sondern würden daran arbeiten, das Bildungssystem so zu gestalten, dass Frauen bald wieder in Universitäten und Schulen gehen könnten. "Ich hatte persönliche Treffen mit den Behörden und Bildungsministern in Afghanistan. Sie sind offen für den Dialog mit uns Schwestern und hören zu, was wir zu sagen haben. Sie sind bereit, Lösungen zu finden und an diesem Thema zu arbeiten." 

Die Situation von Frauen in Afghanistan hat sich seit dem Interview Ende 2023 allerdings weiter verschlechtert und nicht verbessert. Farah M. hielt sich bis heute mit Kritik an den Taliban zurück. Stattdessen betonte sie immer wieder, wie wichtig der Gehorsam gegenüber der Führung sei. Kritik sei dagegen ein Zeichen des "Säkularismus".

Institutionalisierung des Islamismus und die Rolle von Diasporagemeinschaften

Erst im September 2025 pries das US-Magazin "The Diplomat" afghanische Frauen wie Farah M. für ihren Mut und ihre Ideenvielfalt "unter den Taliban". M., so beschreibt der Artikel, arbeite heute als Frauenvermittlerin eng mit dem afghanischen Bildungsministerium zusammen, um eine traditionelle und moderne Bildung für jugendliche Mädchen an Koranschulen zu ermöglichen. Auch soll sie an der Ausarbeitung von Lehrplänen für die berufliche und spezialisierte Ausbildung beteiligt sein. Dass Farah M. selbst die autoritäre Politik der Taliban offenkundig mitträgt und genuin islamistische Überzeugungen vertritt, wird dabei nicht erwähnt. 

Der Fall Farah M. illustriert damit exemplarisch, wie islamistische Regime wie in Afghanistan oder Syrien Frauen gezielt als Legitimationsfiguren einsetzen: häufig westlich sozialisiert, rhetorisch versiert und instrumentell-emanzipiert – und damit besonders wirksam als Projektionsfläche nach innen wie nach außen. Gleichzeitig zeigt er, wie ehemalige Angehörige der Diasporagemeinschaften im Westen als Rekrutierungs- und Propagandaakteure funktionieren können und damit zu einem Puzzleteil einer neuen islamistischen Staatlichkeit werden.

Gewiss bringen Rückkehrer und Rückkehrerinnen wie Farah M. auch ehrliche Hoffnungen in ihre Herkunftsländer mit. Sie wollen mitgestalten und sich verwirklichen, allerdings häufig auf Kosten derer, die aufgrund völlig anderer Erfahrungen ihre ultrakonservativen Vorstellungen von Gesellschaft und Staat nicht mittragen wollen. "Gläubige Frauen haben im Laufe der Geschichte stets eine bedeutende Rolle im wissenschaftlichen und kulturellen Dschihad gespielt. Von Aisha [...] bis Bibi Fatima Zahra [...] waren Frauen in verschiedenen wissenschaftlichen und intellektuellen Bereichen wegweisend", beschrieb M. einmal ihr Rollenverständnis in Afghanistan. Dass die Realität für die meisten afghanischen Frauen ganz anders aussieht, bleibt bei ihr indes unreflektiert.