Kurznotizen

Kein klares Urteil

Die "Berliner Zeitung" hat in einem Artikel nicht autorisierte Aussagen aus einem Telefongespräch mit dem Blogbetreiber verwendet. Es ging um Linda W., eine mittlerweile 17-jährige Jihadistin, die sich 2015 der Terrororganisation "Islamischer Staat" angeschlossen hatte und im Sommer dieses Jahres in Mossul von irakischen Truppen festgenommen wurde. Die Minderjährige trat vergangene Woche in einem Filmbeitrag des "Weltspiegels" auf, in der sie beim Zusammentreffen mit ihrer Familie gefilmt wurde und auch selbst zu ihren Motiven befragt wurde. 

Ich wurde von einem Journalisten nach meiner Meinung zu dem Filmbeitrag gefragt und welchen Eindruck ich von Linda W.'s Auftritt vor der Kamera hatte. Da die mir zugeschriebenen Zitate im Artikel stark aus dem Kontext gerissen wurden und damit den Aussagegehalt verzerren, sie zudem von mehreren Medien weiterverbreitet wurden, möchte ich folgendes klarstellen:
IS-Rückkehrerin „Hier fragen sich manche, warum Linda W. immer noch Kopftuch trägt“ – Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/29301984 ©2017

1. "Islamismus-Experte"
Vorweg, ich bin Politikwissenschaftler, ich definiere mich weder als "Islamismus-Experte" noch bin ich ein Islamwissenschaftler. "Erasmus Monitor" war ein studentisches Einzelprojekt, dass sich mit der Zeit weiterentwickelt hat. Im Kern geht und ging es um die Beobachtung, Beschreibung und Einordnung aktueller Entwicklungen in der Salafismus- und Jihadismus-Szene. Es ist ein Blog, der informativ sein und gleichzeitig zum Nachdenken anregen soll. "Verstehen lernen", nicht von vornherein "Wissen", war stets der leitende Anspruch meiner Arbeit.

2. "(...) hat ein klares Urteil (...). Zitat: "Ich halte die Distanzierung nicht für glaubhaft, auch wenn das Mädchen noch so jung ist. Sie wird vom IS massiv beeinflusst worden sein. Und sie hat nicht besonders traumatisiert gewirkt. Linda W. habe stattdessen wohl sehr genau "gewusst, was von ihr erwartet wird, damit sie nach Hause zurückkehren kann. Ihr Verhalten resultiert aus Berechnung."

Ich habe kein "klares Urteil" über Linda W. gefällt. Urteile werden durch Richter gefällt. Richtig ist: Ich habe mich im Gespräch in die Rolle des Zuschauers hineinversetzt. Aus dieser Perspektive hatte ich den Eindruck, Linda W. wirkte überfordert angesichts der Erwartungen von anwesenden Medienvertretern, ihrer Familie und der Fernsehzuschauer. Sie wirkte eher teilnahmslos und gleichgültig, zugleich bemüht das zu sagen, was viele von ihr hören wollten.

Generell kann darüber diskutiert werden, welchen Sinn und Zweck solche Auftritte im Fernsehen haben und ob sie für die Betroffenen sowohl in Bezug auf mögliche spätere Therapien, Deradikalisierung und vor allem die Reintegration in ein normales Leben besonders förderlich sind. Weder maße ich es mir aber ernsthaft an die psychische Verfassung eines 17-jährigen Mädchens zu beurteilen, noch würde ich eine solche Aussage in einem als Interview gekennzeichneten Gespräch überhaupt tätigen. Zu klären, ob ein Mensch traumatisiert ist oder nicht, ist die Aufgabe von Psychologen, nicht von Laien. Dazu muss das Mädchen aber erst nach Deutschland zurückkehren können.

3. "Vogel erinnert der Auftritt von Linda W. an Berichte aus der Nachkriegszeit. Damals hätten auch alle behauptet, dass sie mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun gehabt hätten - obwohl es nicht stimmte."
Vogel erinnert der Auftritt von Linda W. an Berichte aus der Nachkriegszeit. Damals hätten auch alle behauptet, dass sie mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun gehabt hätten – obwohl es nicht stimmte. – Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/29301984 ©2017
Vogel erinnert der Auftritt von Linda W. an Berichte aus der Nachkriegszeit. Damals hätten auch alle behauptet, dass sie mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun gehabt hätten – obwohl es nicht stimmte. – Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/29301984 ©2017
Vogel erinnert der Auftritt von Linda W. an Berichte aus der Nachkriegszeit. Damals hätten auch alle behauptet, dass sie mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun gehabt hätten – obwohl es nicht stimmte. – Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/29301984 ©2017

Auch diese Zitate sind aus dem Zusammenhang gerissen bzw. verkürzt wiedergegeben worden. Ich habe anhand des Beispiels Linda W.'s und in Bezugnahme auf die vielen Aussagen anderer festgenommener Jihadist/innen einen Vergleich gezogen zur justiziellen Aufarbeitung in Deutschland nach der NS-Diktatur. Schutzbehauptungen und die Weiterreichung von Schuld und Verantwortung an eine höhere Autorität/Instanz unter dem Deckmantel der Gehorsamsverpflichtung ("Führer-Befehl") oder des "Nichtwissens" führten dazu, dass viele Täter als Mitläufer eingestuft wurden und mit milden Strafen oder sogar straflos davon kamen. 

Die UN werfen dem IS Genozid-Verbrechen an ethnischen und religiösen Bevölkerungsgruppen in Syrien und im Irak vor. Mein Vergleich hatte die Intention daran zu erinnern, wie wichtig die persönliche Konfrontation und die strafrechtliche Verfolgung auch von Mitläufern ist, um Gesellschaften wieder zu befrieden. Selbstverständlich muss unterschieden werden, wer getötet hat oder nur Hilfstätigkeiten ausgeführt hat. Selbstverständlich muss ebenfalls zwischen Minderjährigen und erwachsenen Menschen unterschieden werden. Und auch die Biografien und Radikalisierungsprozesse der Betroffenen müssen in die Überlegungen über (Eigen-)Verantwortlichkeiten miteinbezogen werden.

Dennoch sollte meiner Ansicht nach darauf geachtet werden, dass diejenigen nun, die sich jahrelang im sicheren - ideologisch verblendeten - Glauben wähnten, unbesiegbar zu sein und den IS damit direkt oder indirekt bei seinem brutalen Feldzug unterstützt haben, nicht so einfach in die Rolle der Opfer oder Geläuterten wechseln können sollten. Nur eine offene und direkte Konfrontation der Betroffenen, auf justizieller wie persönlicher Ebene, bietet ihnen die Chance, sich über die Ursachen, Folgen und Konsequenzen ihres Handelns bewusst zu werden. Das ist darüber hinaus die beste Prävention und Abschreckung von potenziellen Nacheiferern und Nachahmern.