Freitag, 24. August 2018

"Jenseits": Die fiktionalisierte Realität

Der Journalist Yassin Musharbash hat sich mit seinem Buch "Jenseits" dem komplexen Thema des Jihadismus aus unterschiedlichen Perspektiven angenähert. Es ist ein wichtiges Werk. Denn es zeigt, wie sich die deutsche Sicherheitsarchitektur durch den internationalen Terrorismus in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt hat.

von Heiner Vogel

Der Jihadist aus gutem Hause

Das Buch "Jenseits" ist ohne Zweifel ein anspruchsvolles Projekt, mit dem sich der "Zeit"-Journalist Yassin Musharbash dem komplexen Themenbereich rund um Jihadismus, Terrorismus und innere Sicherheit angenähert hat. Denn sein Buch ist keine journalistische Reportage, in der Geschichten schon aus Platzgründen nicht ganz auserzählt werden müssen, sondern es ist als fiktiver Thriller konzipiert. Dennoch kann "Jenseits" als Erfahrungsbericht eines Journalisten verstanden werden, der im Laufe der letzten Jahre zahlreiche Einblicke in die relevanten Bereiche der deutschen Sicherheitsarchitektur gewinnen konnte. Dazu gehören mittlerweile nicht nur staatliche Akteure wie die Sicherheitsbehörden (Polizei und Geheimdienste), sondern auch die Zivilgesellschaft wie Betroffene, Beratungsstellen und Medien.

Im Zentrum von "Jenseits" steht vor allem Gent. Er ist 26 Jahre alt und kommt aus der Nähe von Rostock. Er stammt aus einem bürgerlichen Haushalt. Die Mutter ist Pianistin, der Vater ein Bootsbauer. Nach dem Abitur hatte er ein Medizinstudium in Berlin aufgenommen. Doch mit dem Suizid seiner Zwillingsschwester im Alter von 23 Jahren, verlor Gent die Orientierung in seinem Leben. Er konvertierte zum Islam, geriet ins Umfeld der Berliner Salafisten und reiste schließlich mit zwei anderen Männern über Osteuropa und die Türkei nach Syrien aus, um sich dem Islamischen Staat (IS) anzuschließen.

"Jenseits" (Kiepenheuer & Witsch)
Erst ein Jahr später meldet sich Gent bei seinen Eltern mit einer SMS. Letzteres wenden sich daraufhin in ihrer Hilflosigkeit an Titus Brandt, einem Sozialarbeiter von der Beratungsstelle "Amal", die Familien von ausgereisten Islamisten unterstützt. Sie treffen sich und Brandt versucht über Gespräche die Ursachen für Gents Radikalisierung zu ergründen. "Es kann jede Familie treffen, wirklich jede", sagt er den Eltern, die sich Schuldvorwürfe machen. Als der Sohn per Mail einen PGP-Schlüssel schickt, beschließen sie gemeinsam den Kontakt mit Gent zu intensivieren. Brandt und seine Kollegen bei "Amal" sind sich dabei aber bewusst, in welches heikle Fahrwasser sie dabei  geraten könnten. Gent ist Mitglied einer Terrororganisation. Sie müssen mit den Sicherheitsbehörden kooperieren.

Diese haben Gent bereits zu diesem Zeitraum auf ihren Bildschirmen. Darunter ist auch Sami Mukthar, ein Analyst des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), der als Verbindungsbeamter im "Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum" (GTAZ) arbeitet. Das GTAZ ist ein Gesprächsforum aller wichtigen Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern (u.a. BND, BKA, LKAs, BfV, LfV) sowie internationalen Partnerbehörden mit Sitz in Berlin. Dort tauschen sie sich regelmäßig  im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften über sicherheitsrelevante Themen aus. Auch der Umgang mit Gefährdern und Jihadisten wird diskutiert. Mukthar schnappt dabei eine Meldung eines ausländischen Geheimdienstes auf, der Gent als Mediziner beim IS und als Kontaktperson zu Führungskadern der Terrororganisation identifiziert.

Heikle Beziehungen

Sami Mukthar steht aber auch in Kontakt mit einer Journalistin. Merle Schwab arbeitet für die Zeitung "Globus" und erhält durch ihn Zugang zu Informationen über den Rostocker Jihadisten. Schwab erhofft sich eine große Geschichte über ihn zu veröffentlichen. Sie versucht an die Eltern, die Beratungsstelle "Amal" und auch an das ehemalige salafistische Umfeld von Gent heranzukommen. In der Geschichte von Musharbash geht das Verhältnis zwischen der Journalistin und dem Verfassungsschützer Mukthar jedoch weit über die in der Realität bestehenden informationellen Beziehungen zwischen Behörden und Medien hinaus. Die beiden pflegten ein sexuelles Verhältnis, was auch normalen Beamten und Geheimdienstlern den Job kosten kann. Denn die Informationen, die an Schwab fließen, erfolgen aufgrund ihrer persönlichen Beziehung zu Mukthar und nicht wegen behördlich gedeckter Informationspolitik oder formalen Kontakten, die zwischen Journalisten und Behörden in der Alltagsrealität Normalität sind.

Kompliziert für alle Beteiligten wird es, als die Todesmeldung von Gent in sozialen Netzwerken kursiert. Ein ungewöhnlich langer Nachruf des IS behauptet, der Deutsche habe sich in Mossul in die Luft gesprengt. Die Behörden werden damit vor eine schwierige Aufgabe gestellt. Denn sie sind nicht vor Ort und müssen von Europa aus die Nachricht überprüfen. Es gab nämlich auch in der Realität Finten von Jihadisten, die ihren Tod aus bestimmten Gründen nur vortäuschten. Bestes Beispiel: Der Berliner Denis Cuspert, der sich aus Spaß in Libyen als "Märtyrer" ablichten ließ.

Deutscher Jihadist in Syrien
Bei Gent zweifeln die Behörden. Allen voran Analyst Mukthar fallen Unstimmigkeiten auf. Und als sich der junge Deutsche wenig später bei seinen Eltern meldet und behauptet aussteigen zu wollen, nimmt die Geschichte eine brisante Wendung. Auch für die Medien. Als das BfV und das GTAZ Mukthar auf eine geheime Auslandsmission schicken, um Gents Absichten zu prüfen, begleitet ihn auch die Journalistin Merle Schwab. Ein weiterer ungewöhnlicher Grenzüberschritt, der so in der Realität wohl äußerst selten vorkommt. Was daraufhin geschieht, ist dramaturgischen Dynamiken geschuldet und soll daher an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden.  Denn das Buch von Musharbash bleibt Fiktion, ein Thriller, der nicht nur informieren, sondern auch unterhalten soll.

Ein realistisches Abbild der deutschen Sicherheitsarchitektur

Worin liegen die Besonderheiten und zugleich die Stärken im Buch von Yassin Musharbash? Es sind vor allem die unterschiedlichen Perspektiven der staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteure auf den Terrorismus und den Jihadisten Gent. Musharbash zeichnet sehr detailliert den gegenwärtigen Zustand des sicherheitspolitischen Systems in Deutschland nach, das sich seit dem 11. September dynamisch entwickelt hat.

Seit 2001 wurden als Reaktion auf den internationalen Terrorismus zahlreiche Gesetze verabschiedet, die die Kompetenzen und Handlungsspielräume von Ermittlungsbehörden, Geheimdiensten und der Justiz ausweiteten. Gleichzeitig wurden neue Institutionen geschaffen. Das GTAZ, das in "Jenseits" als zentrales Forum der Sicherheitsbehörden auf Föderal- und Bundesebene beleuchtet wird, wurde 2004 gegründet, um den Informationsaustausch über islamistische Bedrohungslagen zu verbessern. Auch das "Gemeinsame Internetzentrum" (GIZ) erwähnt Musharbash im Buch, das 2007 nach Vorbild des GTAZ als Kooperationsplattform der Ermittlungsbehörden und Geheimdienste in Bezug auf islamistische und terroristische Propaganda eingerichtet wurde.  Die zentralen Rollen der Geheimdienste wie dem BfV und des BND sowie die der Ermittlungsbehörden wie des BKA und der LKA's bei der Gefahrenabwehr, werden zudem von Musharbash als ambivalent und konkurrierend beschrieben, was auch in der unterschiedlichen Reichweite der jeweiligen Kompetenzen (Bund-Länder) begründet liegen dürfte.

Deutscher Kämpfer in Idlib
Mit der wachsenden salafistischen Bewegung in Deutschland und dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs 2011, der zur Ausreise hunderter Deutscher in den Jihad führte, mussten sich die Politik (die im Buch allerdings kaum eine Rolle spielt), die Sicherheitsbehörden, die Medien und die Zivilgesellschaft mit den neuen Bedingungen auseinandersetzen und sich diesen auch anpassen. Insbesondere Journalisten wie die im Buch fiktive Merle Schwab fungierten dabei als kommunikative Schnittstellen zwischen den Akteuren und waren damit auch ein Teil eines gesellschaftlichen Warnsystems (was auch nicht uneigennützigen Motiven zugrunde lag): Sie fragten nach den Ursachen, Gefahrenpotenzialen und Auswirkungen des Salafismus und des islamistischen Terrorismus. Sie trugen auch dazu bei, dass sich die eurozentrische Sicht auf das Thema vermehrt auf die Problematisierung innergesellschaftlicher Sozialisationsprozesse im Westen konzentrierte.

Nicht mehr nur schablonenhafte, auf den arabischen Raum fixierte Vorurteile wie die saudisch-ägyptischen Akademiker vom 11. September oder die als primitiv geltenden "Turban-Afghanen" manifestierten sich im westlich-sinnbildlichen Prototypen des Terroristen, sondern auch der Drogendealer aus dem "kriminellen Hochhausmilieu" (Husamuddin Meyer), der Abiturient aus der Arbeiterfamilie oder eben auch der wohl saturierte "Biodeutsche" wie Gent, gesellten sich zum Substrat der islamistischen Radikalisierung und des terroristischen Werdegangs. Familien, Freunde, Lehrer usw. ergänzten und präzisierten durch die Kommunikation ihrer Erfahrungen gegenüber Journalisten dieses keineswegs neue, aber hinsichtlich seiner gesamtgesellschaftlichen Dimension, einmalige Phänomen. Bernd Neumann beschrieb die Entwicklungen, die seit 2012 zu beobachten waren, als "Demokratisierung des Jihads", d.h. auch, dass in Europa alle gesellschaftlichen und sozialen Milieus von der Ausreisewelle nach Syrien betroffen waren.

Einbindung der Zivilgesellschaft

Die Sicherheitsbehörden wurden von all den Entwicklungen zum Teil kalt erwischt. Weder Ausreiseverbote in Form von Meldepflichten, Überwachungsmaßnahmen oder konkrete Strafverfahren konnten in vielen Fällen Ausreisen und die Mitgliedschaft bei Terrorgruppen in Syrien verhindern. Akute Personalnot, Probleme beim Austausch von Informationen zwischen den Behörden, aber auch individuelle Überforderung können dafür als Gründe angesehen werden. Viele Familienangehörigen kritisierten via Medien und Beratungsstellen das "staatliche Versagen" und vernetzten sich miteinander, um Verlusterfahrungen und -ängste miteinander zu teilen, aber auch um als Interessensgruppe von der Politik wahrgenommen zu werden und Handlungsdruck zu erzeugen.

Die Schlagwörter "Prävention" und "Deradikalisierung" sowie die Einbindung der Zivilgesellschaft in Sicherheitskonzepte wurden unter den politischen Verantwortungsträgern und den Sicherheitsbehörden wie in der "AG Deradikalisierung" des GTAZ verstärkt diskutiert. Die aus Deutschland stammenden "Kinder" in Syrien waren sprichwörtlich bereits in den Brunnen gefallen. Einerseits musste daher überlegt werden, wie diese hinsichtlich ihrer Gefährdungspotenziale einzustufen seien und bei ihrer Rückkehr aus Syrien über Deradikalisierungsprogramme wieder in ein normales Leben zurückfinden könnten. Andererseits wurde der Fokus auch auf die Zukunft gerichtet. Wie ließen sich Radikalisierung bzw. eine gewaltorientierte Einstellung effektiv prävenieren?

Die Ministerien von Bund und Ländern, aber auch Akteure auf der kommunalen Ebene, begannen über finanzielle Zuwendungen und struktureller Vernetzung mit Beratungsstellen, (politischen) Bildungsorganisationen und zahlreichen anderen Initiativen bei der Prävention gegen Islamismus und Radikalisierung zu kooperieren. Die von Musharbashs beschriebene fiktive Beratungsstelle "Amal" ist ein Beispiel für die mittlerweile bundesweit und regional tätigen - zivilgesellschaftlichen -  Einrichtungen wie "Hayat" vom ZDK, "Violence Prevention Network" oder "kitab". Sie und andere Träger wurden auch in staatliche Initiativen miteingebunden.

"Beratungsstelle Radikalisierung" des BAMF
2012 wurde beispielsweise die BAMF-Beratungsstelle "Radikalisierung" aufgebaut, die Hilfesuchenden durch telefonische oder schriftliche Erstberatung an zivilgesellschaftliche Stellen weitervermittelte. Gleichermaßen wurden sicherheitsrelevante Informationen zwischen beiden Seiten sowie mit Ermittlungsbehörden ausgetauscht, z.B. wenn Angehörige davon berichteten, dass ihre Verwandten nach Syrien auszureisen gedachten bzw. Straftaten planten. Auch dieser - gleichermaßen heikle - Aspekt staatlich-zivilgesellschaftlicher Kooperation zeigt, wie sich die Sicherheitsarchitektur in den letzten Jahren zunehmend gewandelt hat. Auch in "Jenseits" stehen die Eltern von Gent und die Berater von "Amal" vor der Entscheidung, mit den Behörden Informationen zu teilen, die sich aus dem verschlüsselten Emailkontakt mit ihm ergeben könnten.

Somit partizipierten nichtstaatliche Akteure bei der Herstellung von Sicherheit, weil sich in der Vergangenheit zeigte, dass ausschließlich strafrechtliche Präventionsmaßnahmen nicht ausreichten angesichts eines sozialen und sich dynamisch entwickelnden (und damit unkontrollierbaren) Phänomens. Es bedurfte an Präventionsinitiativen von "unten". Psychologen, Therapeuten, Sozialarbeiter, Islamwissenschaftler und Pädagogen brachten das notwendige Know-how mit. Die dafür benötigten materiellen Ressourcen stellte der Staat zur Verfügung, auch wenn im Hinblick auf die Strategien und Methoden, die Ausbalancierung der unterschiedlichen Interessen (Kompetenzen, Einflussbereiche, Rollenverteilungen), die Erfolgsaussichten und die finanzielle Ausstattung nach wie vor viele Defizite ausgemacht werden, die auch Musharbash im Buch andeutet.

Yassin Musharbash hat mit seiner fiktiven Geschichte also einen sehr realistischen Zustand in Zeiten des Terrors beschrieben. Empfehlenswert sind die im Buch offenkundig fiktionalisierten Einblicke eines Journalisten in die deutsche Sicherheitsarchitektur, die sich auf seinen Erfahrungen und seinem Wissensfundus aus jahrelangen Recherchen in diesem Bereich stützen.

Musharbash, Yassin (2017): Jenseits, Köln, 316 S.; ISBN: 978-3-462-05046-2.