Donnerstag, 18. Januar 2018

"Believers Place": Messer und Einsatzschuhe

Der Kölner Sabri Ben Abda hat eine neue Internetseite ins Leben gerufen. Nach dem Tod wichtiger IS-Propagandisten will er nun offenbar die klaffende Lücke schließen, die von ihnen hinterlassen wurde. Das Ergebnis: Typisch Ben Abda.

"Widerstandsvoll glanzvolle Arbeit"

Die vergangenen Jahre waren für Sabri Ben Abda kein Zuckerschlecken. Ausgrenzung, Mobbing, und Prügel musste er über sich ergehen lassen. Und das nur, weil er sich als IS-Sympathisant geoutet hatte. Erst heimlich, dann für jeden offenkundig, agitierte er für die Terrororganisation von Abu Bakr al-Baghdadi. Unter unzähligen Pseudonymen wie "SBA Media", "Dawa Pics" und "Good Propaganda" verherrlichte er die Taten der Miliz, die neben zahlreichen Christen und Jesiden auch unzählige Muslime auf dem Gewissen hat.

Sabri Ben Abda in Syrien
Offenbar hat Ben Abda nun die Lust am Versteckspiel verloren. Mit der Internetseite "Believers Place - Radikalisiere dich zum Guten", eingetragen unter seinem richtigen Namen, outet sich Ben Abda erstmals ganz offen als kreativster und produktivster IS-Propagandist in der deutschen Salafisten-Szene. Nach dem Tod mehrere Jihadisten, die die bislang wichtigste deutschsprachige IS-Plattform "Niwelt" betreuten, will Ben Abda offenbar den Fluss von Kalifatsglorifizierungen und Durchhalteparolen wohl nicht versiegen lassen. Und die IS-Anhänger danken es ihm. "Wir bitten Allah darum, dass er euch bei diesem Projekt beisteht, Amin", heißt es in einer Mitteilung deutscher IS-Anhänger auf Telegram. Neben anderen Kanälen leiste "Believers Place" "widerstandsvoll gegen die Tawaghit und Munafiqin glanzvolle Arbeit".

Die nun ins Leben gerufene Internetseite folgt der Tradition von Ben Abdas bisheriger Arbeit. Er nutzt dabei einen rechtlichen Graubereich, in dem Propaganda als scheinbar neutrale Berichterstattung und Weiterverbreitung von Informationen schwerer rechtlich angreifbar ist. Einzig Ben Abdas Übermut könnte ihm Probleme bereiten. Schon häufiger geriet er deswegen mit dem Gesetz in Konflikt.

"Believers Place" strotzt nur so vom Zynismus und den bekannten übel-sarkastischen Anspielungen Ben Abdas. Er reproduziert die Nachrichten der IS-Agentur "Amaq", deutet in Fake-News-Manier Medienberichte nach seiner Meinung um und auch seine bekannten Memes und Videos, mit denen er seine Gegner bislang attackierte, nehmen viel Platz auf der Seite ein. Als besonders makaber fallen durch Ben Abda zwei verfasste Artikel auf, die unter "Empfehlung" aufgeführt werden: ein Messer ("bestens als Rettungsmesser verwendbar") und Einsatzschuhe ("Funktionsschuhe für Dienst und Alltag"), die wohl kaum im normalen Lebensalltag benötigt werden.

Zerwürfnis unter Freunden

Ben Abdas Provokationen kamen bei der Mehrheit der erfahreneren Salafisten nie gut an. Erst recht nicht, seitdem er mit seinen radikalen Sympathien für den IS in der Szene hausieren geht. Zur Eskalation kam es aber erst, als der Kölner - offenbar berauscht vom Siegeszug des IS - sich dazu berufen sah, all diejenigen im Internet zu diffamieren, die sich gegen die irakische Organisation gestellt hatten.

Allen voran der Prediger Pierre Vogel. Auf ihn, den väterlichen Freund aus alten Tagen, als die Salafisten-Szene noch eine große Familie war, hatte es Ben Abda abgesehen. Und auf Bilal Gümüs, mit dem er noch 2014 in Frankfurt die Straßen unsicher machte, Korane an Passanten verteilte und Medien süffisant aufs Korn nahm. 

Damit war es vorbei, als Vogel und Gümüs mit der Zeit merkten, wie schwerwiegend der IS dem salafistischen Projekt in Syrien und damit der Einheit der "Ummah" geschadet hatte. Für Ben Abda ein klarer Verrat - am Koran, am Jihad und an all den Leuten, die der Überzeugung waren, der IS verkörpere die Wiedergeburt eines globalen Kalifats. Und dazu gehörte ein nicht kleiner Teil der eigenen Anhänger wie Ben Abda selbst, die Pierre Vogel bis zu seiner klaren Oppositionshaltung gegenüber dem IS um sich geschart hatte.

Während Vogel versuchte gegenüber dem eigenem Gefolge und der Öffentlichkeit jegliche Verbindungen zum IS-Lager auszuschließen, zogen die Verdrossenen weiter zu den Predigern, die sie mit offenen Armen empfingen. Der Hildesheimer Ahmad Abdullah alias Abu Walaa scharte sie um sich. In diesem (virtuellen) Umfeld tauchte auch Sabri Ben Abda unter und unterstützte den Iraker über die Propaganda im Internet, genauso wie die Jihadisten in Syrien, die deutschsprachige Seiten wie "Niwelt" und "Baqqiya" betrieben. Ben Abda war es auch, der mehrmals vor bevorstehenden Polizeirazzien im Umfeld der deutschen IS-Leute warnte. Von seinen eigenen Seiten aus startete er gleichzeitig die Angriffe auf das gegnerische Lager.

Zunächst warf er Pierre Vogel und dem Prediger Marcel Krass die Veruntreuung von Spendengeldern vor. So hätten die beiden Hunderttausende Euro in die eigene Tasche gesteckt, nachdem Vorzeigeprojekte wie der Aufbau einer Islamschule in Mönchengladbach und der Bau einer neuen Moschee in Wuppertal - die "Darul Arqam" - scheiterten. Ben Abda insinuierte, Vogel und Krass hätten das Geld in teure Autos und Reisen investiert. Wie könne es sein, so Abda damals, dass Vogel von Hartz 4 lebe und gleichzeitig eine Limousine fahre. Heftige Diskussionen zwischen Marcel Krass und Ben Abda folgten, der damals noch anonym, wenngleich leicht zu identifizieren, seine Vorwürfe auf vielen Internetseiten wiederholte.

Auf den Erstschlag folgte die Anzeige

"Believers Place": Handfeste Auseinandersetzung
Mit der Zeit nahm Ben Abda immer mehr Prediger und bekanntere Figuren der Szene in den Fokus. Den Berliner Adhim Kamouss bezeichnete er als "Munafiq" ("Heuchler"), den Lies!-Initiator und seinen ehemaligen Mentor Ibrahim Abou Nagie als "Abu Model", "Lügner" und "Rosenkavalier". Erol Selmani, der Gründer der Koranverteilungsaktion "Siegel der Propheten", bescheinigte er eine "kranke Seele", nannte ihn einen "ekelhaft-widerlichen Scharlatan" und "vorbestraften Betrüger", dessen Da'wa ein "billiger Abklatsch" des Lies!-Projekts sei.

Was kindisch und albern auf so manchen Beobachter wirkte, war in Wirklichkeit ein hochgefährlicher Zwist innerhalb der Szene. Der Jihad in Syrien hatte tiefe Gräben aufgerissen und sowohl im Führungslager als auch unter dem "Fußvolk" ein großes Chaos angerichtet. Das zeigte auch der symbolische Pakt zwischen Sabri Ben Abda und dem IS-Ideologen Abu Walaa, der in Hildesheim und anderen deutschen Städten junge Männer ideologisch auf den Jihad trimmte.

Gemeinsam hetzten Ben Abda und Abu Walaa gegen Pierre Vogel, der bis heute die größte Anziehungskraft auf die meist jungen Salafismus-Anhänger ausübt. "Murtad", "Verräter", und "Kreuzritter" waren nur einige Bezeichnungen, die Ben Abda auf Vogel anwendete. Der ließ sich die Attacken immer seltener gefallen und machte seinerseits Stimmung gegen den "al-Baghdadi-Fanclub". Seine rechte Hand Bilal Gümüs führte darüber hinaus nicht nur die verbale Keule. Auf Facebook bedrohten er sich und Ben Abda gegenseitig. Gümüs Handlanger kreuzten denn auch vor der Wohnung des Kölners auf, demolierten dessen Auto und ließen ihn wissen, dass sie auch nicht vor körperlicher Gewalt zurückschrecken würden.


Schließlich folgte im letzten Jahr der Showdown. In Pulheim bei Köln soll Ben Abda in seinem Auto gesessen haben. Was er dort machte ist unbekannt. In einer veröffentlichten Audiobotschaft erzählte er, er sei bei einem Arzt gewesen. An einer Ampel jedenfalls riss jemand seine Autotür auf und prügelte auf ihn ein. Laut Ben Abda soll es der ehemalige Boxer Vogel gewesen sein, der zugeschlagen hatte. "Er hat mehrmals auf mich eingeschlagen", so Ben Abda. Vogel wiederum habe herumgeschrien: "Sie wollen mich umbringen, der ist von ISIS!".

Es folgten eine Anzeige gegen den Prediger wegen Körperverletzung und eine neue Welle persönlicher Angriffe im Internet durch Ben Abda. Gut möglich, dass das erst der Anfang war. Denn auf seiner neuen Internetseite hat er bereits neue Schmäh-Pamphlete gegen seine Kontrahenten angekündigt.