Samstag, 13. Mai 2017

Vier Brüder: "Für ihn war alles interessant und cool" (Teil 2)

Die Brüder Harun und Ayhan Y. gehören zum harten Kern der türkischen Jihadisten-Szene. Nach einem gescheiterten Attentatsversuch auf einen US-Amerikaner in Adana 2010, reisten sie nach Syrien, um sich dem Kampf gegen Diktator Assad anzuschließen. Ein paar Jahre später holten sie auch ihren jungen Bruder über die Grenze (Teil 1 lesen sie hier).

von Heiner Vogel

Ein Teenager als gefeierter Märtyrer

Tausende Türken zogen in den vergangenen Jahren in das Nachbarland Syrien, um sich islamistischen Brigaden anzuschließen. Viele folgten den Aufrufen von Predigern, die den bewaffneten Jihad als solidarische Geste gegenüber den syrischen Sunniten proklamierten. Vor allem Türken aus den ärmeren und unteren Mittelschichten im Süden und Osten des Landes fühlten sich von den Reden ihrer religiösen Autoritäten angesprochen. Im "Dienst für Allah" sahen viele von ihnen eine neue Chance, ihrer sozioökonomischen Perspektivlosigkeit zu entkommen. Denn besonders dort, wo der wirtschaftliche Aufschwung in der Türkei am wenigsten ankam, stieg in den letzten Jahren auch die religiöse Identifikation als sinnstiftendes Element. Da hatten Prediger umso leichteres Spiel, mit Narrativen wie der Bedrohung des Islam und der Unterjochung der Muslime, in dieser Zielgruppe verletzte Ehrgefühle und Aggressionen zu befördern.

Allein in Syrien starben bereits über 60.000 ausländische Jihadisten, wenn man der in internationalen Medien regelmäßig zitierten Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR) Glauben schenken will. Wie viele Türken darunter sind, ist unbekannt. Es werden wohl mittlerweile Tausende sein. Einer dieser in jihadistischen Kreisen gefeierten "Märtyrer" war auch der 17-Jährige Huzeyfe Y., der seinen Brüdern Ayhan und Harun nach Syrien gefolgt war. "Er hat uns einfach vermisst. besonders mich", äußerte sich sein ältester Bruder Ayhan Y. vor einigen Wochen gegenüber dem Blog. "Wir waren immer wie Vater und Sohn. Er wollte mit eigenen Augen sicher sein, dass es uns gut geht." Harun und er hätten versucht Huzeyfe in die Türkei zurückzuschicken. "Ich habe nie gewollt, dass er überhaupt hierhin kommt." Y.'s Aussagen erscheinen wenig glaubwürdig, wenn man den Werdegang von Huzeyfe weiterverfolgt.

Ayhan Y. in Syrien
Nach seiner Ankunft in Syrien im Jahr 2015 wurde der damals 16-Jährige durch seine beiden Brüder an die tschetschenisch dominierte Extremistengruppe "Katiba Sayfullah" vermittelt, einer Gruppe, die mit al-Qaida eng verbunden ist. "Wer ihn von hinten sah, hielt ihn für einen erwachsenen Mann mittleren Alters; doch wer dann sein Gesicht sah, erkannte, dass Huzeyfe im Grunde noch ein Kind war", schrieb Ayhan nach dem Tod des kleinen Bruders in einem heroisierenden Nachruf. Und doch schien es für die Familie Y. eine göttliche Bestimmung gewesen zu sein, dass Huzeyfe wie soviele Kinder im Syrien-Krieg die Arbeit eines erwachsenen Mannes verrichten sollte. Fotos zeigen den Teenager in der für junge Jihadisten so typischen Gangsterpose, mit Handfeuerwaffen und Pilotenbrille, im Hintergrund die Flaggen des Propheten. Ganz so, als sei das alles auch eine Art Urlaub für ihn. "Für ihn war alles interessant und cool", so Ayhan Y. gegenüber "Erasmus Monitor".

"Die Augen tränen, das Herz trauert"

Die meiste Zeit der insgesamt sieben Monate in Syrien, hielt sich der Jugendliche in der Provinz Idlib auf, durchlief weitere Kampfausbildungen und schloss dort viele Freundschaften zu anderen Kindersoldaten. Ob Uiguren, Kaukasier oder Syrer, besonders im Norden Syriens trafen die unterschiedlichen Nationalitäten aufeinander, die sich alle als Geschwister im Glauben betrachteten. Und schließlich waren da noch die erfahrenen älteren Brüder, die Huzeyfe maßgeblich anleiteten.

"Du wirst inshallah viele Kuffar töten", soll Ayhan Y. Huzeyfe aufgestachelt haben, als dieser im Herbst 2015 an die Front nach Aleppo geschickt wurde. Dort eskalierten zu dem Zeitpunkt die Kämpfe zwischen syrischen Regierungstruppen, Kurden und Rebellen um die letzten Versorgungsrouten in den Ostteil der Stadt. Auch Harun nahm an den Gefechten teil. Am Abend des 9. Oktobers fiel Huzeyfe schließlich nahe der Castello-Straße im Nordwesten der Stadt. Eine Kugel, abgefeuert aus dem kurdischen Viertel Sheikh Maqsoud, hatte seinen Kopf getroffen.

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Nach jihadistischer Tradition ziemlich gefasst, hatte doch der kleine Bruder die ersehnte "Shahada" (Akzeptanz durch Allah) und den Eintritt nach "Jannah" (Paradies) erlangt, begruben Harun und Ayhan den Jungen irgendwo in Syrien. "Die Augen tränen, das Herz trauert; doch wir werden keine Worte von uns geben, welche unseren Herren unzufrieden machen." Aus ihrer Sicht war der Tod von Huzeyfe kein Wendepunkt auf dem Weg des Jihads, sondern das eigentliche Ziel im Kampf gegen Ungläubige und für die "Selbstverteidigung" des Islam, wie es Ayhan Y. gegenüber dem Blog formulierte. "Es ist nichts falsches daran einem Unterdrückten zu helfen, wenn die Tyrannerei vor den Augen stattfindet."

So war es auch nicht verwunderlich, dass Ayhan Y. den Tod des eigenen Bruders propagandistisch instrumentalisierte. Auf Youtube und anderen Plattformen verbreitete er in unterschiedlichen Sprachen Nachrufe und Videos über Huzeyfe. Als Vorbild sollte er den Menschen in Erinnerung bleiben, der für seinen Glauben den eigenen Tod billigend in Kauf genommen hatte. "Der Jihad bringt den Zeitpunkt des Todes weder näher noch verzögert er ihn. Wäre Huzeyfe hier nicht als Shaheed gestorben, so wäre er woanders trotzdem gestorben", so Ayhan Y. in einem dieser Texte.

Ayhan Y. (rechts) neben Selbstmordattentäter
Den Jihad führten die beiden ältesten Brüder in Syrien folgerichtig weiter. Während Harun Y. in Aleppo mit Kämpfern aus dem Kaukasus Jagd auf syrische Soldaten machte, übernahm Ayhan weiterhin die Rolle des Ideologen und Logistikers. Auf Twitter und Facebook forcierte er die jihadistische Propaganda. "Ich bin als Denker auf Twitter bekannt, weil ich einer der wenigen bin, der die Leute vor ISIS warnt", beschrieb er gegenüber dem Blog seine Arbeit. Vielmehr habe er die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen, weil er "die Leute vor Radikalismus" warnen wollte. Dass seine Propagandatexte und Videos über Selbstmordattentäter und al-Qaida-Ideologen nur so von jihadistischer Rhetorik durchsetzt waren, erklärte er mit bewusster "Übertreibung". "Ich habe es immer so berichtet, als hätte ich es selber gesehen, obwohl ich es nur gehört habe. Der Grund ist simpel: Die Erhöhung der Glaubwürdigkeit. Die Jugend ist nur mit einer Popularität zu beeindrucken", so Y.

Ein seltenes Eingeständnis für einen so erfahrenen Propagandisten des Jihads, auch wenn dies in seinem Falle nicht gänzlich der Wahrheit entsprach. Offenbar gehörten zu seinem und Haruns Umfeld die selbsternannte Avantgarde der syrischen al-Qaida, so zum Beispiel der Selbstmordattentäter Abdul Aziz al-Turki, den Ayhan nach eigener Aussage in Adana kennengelernt hatte und der sich 2016 neben drei weiteren Jihadisten für die uigurisch dominierte "Islamic Turkistan Party" in Aleppo in die Luft sprengte.

"Für eine Welt ohne Hungersnot"

Diese im Fall Syrien häufig anzutreffende habituelle Ambivalenz - die zwanghafte, wenngleich nicht schlüssige Betonung der Zivilcourage und Humanität, gepaart mit gewaltverherrlichender Rhetorik und martialischem Auftreten, trieben die Brüder Y. in Syrien noch weiter auf die Spitze. Ayhan machte sich seine Sprachkenntnisse gezielt zu Nutze. Er gründete wie so viele Jihadisten eine "Hilfsorganisation" namens "Anadolu Der" und nutzte dabei die Anonymität im Internet, um sie zu bewerben und Spenden einzusammeln.

"Anadolu Der"-Flyer
Auch in Deutschland wurde die selbst von Sicherheitsbehörden nicht registrierte Organisation tätig und warb in deutscher Sprache um finanzielle Zuwendungen. "Die Islamische Humanitäre Hilfsorganisation Anatolien wird dafür sorgen, dass eure Hilfen, in welcher Form auch immer, an die Unterdrückten, die Waisenkinder und die Bedürftigen, ohne zwischen ihnen zu differenzieren, weitergereicht werden", hieß es in einer ersten Mitteilung auf Facebook und Telegram Anfang 2016. Offenbar halfen auch deutsche Islamisten Ayhan A. bei der Verbreitung von Aufrufen wie "Ein Opfer: Preis 170 €" oder "Für eine Welt ohne Hungersnot".

Bilder dokumentierten wenig später, wie die Hintermänner von Ayhan Y. Kartons mit den Emblemen seiner Organisation im Norden Syriens verteilten. Doch nur wenige Monate später war bereits schon wieder Schluss mit "Anadolu Der". Sie habe "nicht funktioniert", so Y. gegenüber dem Blog. Auf die Frage hin, ob es denn nicht widersprüchlich sei, den bewaffneten Jihad zu führen und zugleich als ziviler Helfer aufzutreten, antwortete Ayhan, man müsse sich schließlich gegen die Feinde verteidigen.

Während Ayhan also sich in der Rolle des humanitären Helfers übte, kämpfte Harun Y. für eine brutale Jihadistengruppe im belagerten Aleppo. Videos zeigten ihn bei heftigen Gefechten mit der syrischen Armee. Auch dafür hatte sein Bruder Ayhan im Gespräch mit dem Blog eine Erklärung: "Harun war nie an eine Gruppe gebunden mit einem Eid oder ähnliches." Nach Aleppo sei er nur aus Langeweile gezogen und wegen den niedrigen Mietpreisen. "Er hat dort nicht gekämpft. Er wandert mal nach da, mal nach hier. Er ist natürlich genauso gegen Extremismus wie ich".

Und das gescheiterte Attentat auf den US-Amerikaner Richard M. im Jahr 2010 in Adana? "Lügen des türkischen Geheimdienstes und der Gülen-Bewegung", so Ayhan Y. "Diese Angelegenheit wird im Moment beim höchsten Gericht in der Türkei behandelt, ich warte nur den Prozess ab." Harun und er lebten in Wahrheit im Exil. Sie seien 2013 nach Syrien geflüchtet, weil es ihnen "zu dumm" gewesen sei, "für nichts und wieder nichts lebenslang hinter Gittern zu sitzen". Der Richter, der die beiden verurteilt hätte, sitze mittlerweile in einer isolierten Einzelzelle wegen Hochverrats und Korruption. "Nur das mal nebenbei".

Harun schaffte es im Dezember 2016 schließlich doch noch Aleppo unbeschadet wieder zu verlassen. Eine Vereinbarung zwischen der Türkei und Syrien garantierte den verbliebenen Rebellen freies Geleit aus der Stadt. Seitdem engagierte sich Harun Y. wie sein Bruder Ayhan für salafistische Hilfsorganisationen. Der Rollenwechsel vom Zivilisten zum Kämpfer und umgekehrt: er funktioniert wohl derzeit nirgendwo so gut wie in Syrien.