Samstag, 31. Dezember 2016

Von der Elbe in den Heiligen Krieg

Phillip N. reiste im vergangenen Jahr nach Syrien und schloss sich der syrischen al-Qaida an. Konflikte in der Familie, Heimaufenthalt und dubiose Freundschaften ließen ihn vergessen, wohin er eigentlich gehörte. English version
 
Der Winter ist da

Wenige Tage vor Weihnachten ist der Winter in Syrien eingekehrt. Eine Schneedecke hat sich über weite Landesteile des Nordens gelegt. Dazu peitscht ein eisiger Wind über die kargen Ebenen, die jetzt noch trostloser aussehen, als in den Dürremonaten im Sommer. Irgendwo hier ragt in diesen Tagen auch Phillip N. wie eine Silhouette im Zentimeter hohen Weiß hervor. Um sich gegen die klirrende Kälte zu schützen hat er sich eine schwarze Skimütze über den Kopf gezogen. Dazu trägt er Handschuhe, eine braune Flecktarnjacke und gefütterte Stiefel.

Winter in Syrien: Phillip N.
Wie ein Ninja sieht er aus, als er sich von einem Mitstreiter fotografieren lässt. Mit der rechten Hand streckt er den Zeigefinger in die Höhe, über seiner Schulter hat er lässig seine Kalaschnikow gehängt. Es ist das Zeichen der Shahada, das islamische Glaubensbekenntnis, mit dem Jihadisten gerne ihren Trotz gegenüber Gefahren demonstrieren. "Lā ilāha illā ʾllāh" - "Es gibt keinen Gott außer Gott". Und der wird es demnach so gewollt haben, egal wie heikel die Situation ist, in der man sich befindet.

Seit in Aleppo aufständische Rebellengruppen und Jihadisten von syrischen Truppen aus der Stadt vertrieben wurden, plagen in diesen Tagen nicht wenige deutsche Kämpfer Sorgen vor der Zukunft. Nachdem Türken und Russen ihre strategischen Beziehungen wieder aufgenommen haben und sogar planen einen landesweiten Waffenstillstand in Syrien durchzusetzen, geraten Jihadistengruppen wie Jabhat Fateh al-Sham (ehem. Jabhat al-Nusra), Jund al-Aqsa oder die Islamic Turkistan Party unter enormen Druck. Denn sie werden von jeder diplomatischen Lösung ausgeschlossen. Sie gelten nun auch am Bosporus als Terrororganisationen, nachdem sie jahrelang von türkischen Geheimdiensten mit Waffen und Ausrüstung versorgt worden waren, um das syrische Regime zu Fall zu bringen.

Im Dienst der syrischen al-Qaida

Das hatte sich N. damals wohl anders vorgestellt, als er irgendwann im letzten Jahr seine Sachen packte, die Heimat in Norddeutschland verließ und nach Syrien reiste. Im Norden des vom Bürgerkrieg zerütteten Landes, wohin der Konvertit ging, ist es al-Qaida mit der Zeit gelungen relativ stabile Herrschaftsstrukturen in Form eines Emirats zu errichten. 2015 hatte sich die Regierungsarmee nahezu vollständig aus der Provinz Idlib zurückgezogen. Der Sieg der mehrheitlich islamistischen Rebellen über Präsident Bashar al-Assad schien in greifbarer Nähe zu sein. Städte wie Idlib, Jisr al-Shugur, Saraqib und Darkoush wurden dadurch zur neuen Heimat von zahlreichen ausländischen Jihadisten.

Jihadist Phillip N. in Idlib
Phillip N. schloss sich mit Jabhat Fateh al-Sham der mächtigsten Rebellenmiliz in Syrien an, in deren Dienst sich zuvor schon andere Deutsche gestellt hatten. Er nannte sich "Abu Khaled al-Almani" und kam in ein Trainingslager, wo die neuen Rekruten für den Kampfeinsatz vorbereitet wurden. Hier lebte er mit meist jungen Männern und Jugendlichen unterschiedlicher Nationalitäten auf engem Raum zusammen und schloss schnell Freundschaften. In der Ausbildung mussten sie gemeinsam den Umgang mit Kriegswaffen erlernen. Dazu gehörten Zielübungen mit Maschinengewehren, Wurftechniken mit Granaten und die Benutzung von Flugabwehrgeschützen. Schließlich wurde Phillip N. für Wachdienste der Terrorgruppe eingesetzt.

Betrachtet man alte Fotos des etwa Anfang 20-Jährigen, stellt sich wie bei vielen anderen ausgereisten Jihadisten die Frage nach dem "Warum?". Wie kommt ein so junger Mensch auf die Idee seine sichere Umgebung gegen das Chaos und den Krieg einzutauschen? Phillip selbst wollte sich dem Blog gegenüber nicht äußern. Sicherheitsbehörden haben ihn erst seit einigen Monaten auf dem Schirm.

Erneut Ditib im Fokus

N. kommt ursprünglich aus Itzehoe, einer Kleinstadt direkt an der Elbe in Schleswig-Holstein. Er ging auf eine Gesamtschule, anschließend wechselte er an ein Berufbildungszentrum. Er war beliebt und hatte viele Freunde, trank auch Alkohol und rauchte gelegentlich. Das familiäre Umfeld von Phillip N. soll dagegen weniger friedlich gewesen sein. Mit seiner Mutter habe er viele Auseinandersetzungen gehabt, berichtet ein alter Weggefährte dem Blog. "Er ist nicht sehr christlich aufgewachsen." Irgendwann sei es zu Hause zur Eskalation gekommen. Die Mutter hätte sich nicht anders zu helfen gewusst als ihren Sohn in die Obhut eines Jugendheims zu geben.

Ditib-Verantwortlicher in Itzehoe/Phillip N. (2014)
Seine Kumpels kamen vorwiegend aus Itzehoe und Hamburg. Türken und Afghanen waren darunter. Und über sie kam Phillip N. auch vor etwa zwei Jahren in Berührung mit dem Islam. In der örtlichen Ditib Moschee, der Ulu Cami Itzehoe, konvertierte er im Jahr 2014. Offenbar hielt sich N. bis zu seiner Ausreise nach Syrien regelmäßig im Umfeld der 2008 gegründeten Moscheegemeinde auf, in der sich sowohl türkische Ultranationalisten als auch dem salafistischen Spektrum nahe stehende Personen oftmals treffen. Sie gaben ihm wohl ein neues Gefühl der Zugehörigkeit, das einer Familie, die für ihn da war, wenn er etwas brauchte.

Immer wieder wurde der türkischen Dachorganisation Ditib in der Vergangenheit vorgeworfen, gewaltbereiten Islamisten zu viel Spielraum in ihrem Umfeld gewährt zu haben. Ob in Dinslaken, Leverkusen oder Berlin: Zahlreiche Salafisten mit jihadistischen Verbindungen konnten sich bundesweit unter die Gemeinden mischen. Ohne großen Widerstand. Zweifellos hat das auch mit den kongruierenden Narrativen im Bezug auf den Syrien-Krieg zu tun. Türkische Ultranationalisten und Salafisten unterstützen den dortigen Kampf gegen die Assad-Herrschaft. Die einen wegen den offenkundigen neo-osmanischen Expansionsbestrebungen der türkischen Regierung im Nahen Osten. Die anderen aufgrund religiös-sektiererischen und anti-nationalistischen Motiven. Im Fall Syrien gab es aber bemerkenswerte Annäherungen zwischen diesen eigentlich gegnerischen Lagern. Nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel.

Wer Phillip N. so stark beeinflussen konnte, dass er aus falsch verstandenem Idealismus den Weg nach Syrien wählte ist letztlich unklar. Aus dem ehemaligen Umfeld des Konvertiten wird kolportiert, ein Hamburger Salafist "mit Kontakten zu al-Qaida" habe diesen schließlich überreden können sich eben dieser Terrororganisation anzuschließen. Auch durch die Ditib-Moschee in Itzehoe habe N. "schlechten Umgang" bekommen. Verantwortliche der Moschee wollten sich dazu nicht gegenüber dem Blog äußern.  Phillip N. selbst schrieb im August, nachdem der Allgäuer Jihadist Erhan Aydeniz in Syrien ums Leben gekommen war, dass dieser ihm dabei geholfen habe nach Syrien "herzukommen". Er habe ihn dort auch persönlich getroffen. Aydeniz hatte 2015 tatsächlich dem Blog bestätigt, er habe auch anderen Deutschen die Einreise nach Syrien ermöglicht.