Freitag, 16. September 2016

Gülsen (14): "Ich will islamisch leben"


Immer mehr Jugendliche scheinen sich in der virtuellen Welt zu radikalisieren. Geplagt von Pubertät und Einsamkeit suchen sie im Internet nach Antworten auf ihre Fragen. Doch dort lauern viele Gefahren, die Teenager im Extremfall ins Verderben führen können. Wie leicht das gehen kann, zeigt ein aktueller Fall aus Bayern.

Zwischen Provokation und Eskalation

Die islamistisch motivierten Attacken in Hannover und Essen lenken den Fokus von Medien und Behörden zunehmend auf die Jugend. Viele fragen sich, wie groß das Gefahrenpotenzial radikalisierter Kinder ist, Terrorattacken im Namen von "Islamischer Staat" (IS) und Co. im eigenen Land durchzuführen. Der Grund dafür ist, dass Planung und Koordination der Anschläge in umfangreichen Maße auch im Internet stattfanden.

Umso schwieriger ist es für Sicherheitsbehörden den Überblick zu behalten. Der IS setzt offenbar zunehmend darauf, Kinder und Jugendliche über das Internet für Attentate zu rekrutieren. In Frankreich gelang es Ermittlern die Kommunikationskanäle eines berüchtigten IS-Kämpfers auszuwerten. 10 Jugendliche, verteilt im ganzen Land, wurden daraufhin in dieser Woche wegen Terrorgefahr festgenommen. Niemand weiß, wie viele Heranwachsende auch in Deutschland mit konspirativ agierenden Jihadisten in Syrien und Irak in Kontakt stehen.

Sie sind besonders gefährdet. Nicht selten gehören depressive Phasen oder Verhaltensauffälligkeiten zur Anamnese eines radikalisierten jungen Menschen. Vor allem die Pubertät ist eine Zeit, in der solche Kinder und Jugendliche anfällig für persönliche Krisen sind. Die Welt um sie herum erscheint ihnen komplex, diffus und zu schnelllebig zu sein. Gesellschaftliche Konventionen und Lebensentwürfe werden in Frage gestellt. Sie suchen nach Alternativen.

Diese Unsicherheit nutzen Islamisten häufig aus. Fehlen Anleitung und Hilfestellungen durch die Eltern und der Schule, haben sie leichtes Spiel Einfluss auf instabile Persönlichkeiten auszuüben. In harmloseren Fällen adaptieren Kinder zwecks Provokation den islamistischen Habitus.  Geraten sie in die Fänge von Militanten, die sie z.B. über das Internet für den Jihad rekrutieren wollen, wird es ernst. Wie schnell und leicht diese Eskalation eintreten kann, zeigt ein aktueller Fall aus Bayern.

Casper, Torge und Anime

Sie ist erst 14 Jahre alt und kommt aus einer Großstadt westlich von München. Wir nennen sie Gülsen, eine Deutsche mit türkischen Eltern. Sie geht auf eine Förderschule. Doch Gülsen ist einsam. Sie leidet darunter, dass sie für ihr Alter noch so klein gewachsen ist. Mit den Eltern hat sie öfters Streit. Wegen ihren Problemen hat sie sich in die virtuelle Welt zurückgezogen. Dort, wo sie die vielen alltäglichen Zwänge und Pflichten vergessen kann. Mit ihrem Handy surft sie täglich stundenlang im Internet. 

Sie hört Musik der US-Band "The Neighbourhood", Songs des deutschen Rappers "Casper" und der Britin "Adele". Lachen kann sie über die Gags von Youtube-Komikern wie "Torge" und "Gronkh". Eine besondere Leidenschaft scheint sie für Cosplay und Anime zu haben, ein japanischer Mode- und Zeichentrickstil. Auf ihrem Facebook-Profil hat sie viele solcher Anime-Bilder gepostet. Es sind meist schüchtern aussehende Mädchen, erfüllt von Kummer, mit Tränen in den Augen.

Alles scheint so normal für ein Mädchen dieses Alters zu sein. Ein Ausschnitt jugendlicher Alltagsrealität. Wären da nicht die Seiten, die Gülsen in den vergangenen Monaten immer wieder besucht hat. Dort wird Propaganda für einen Islam verbreitet, den die Mehrheit der Muslime entschieden ablehnt. Gülsen schaut sich Videos von bekannten Salafisten-Predigern wie Abu Abdullah, Pierre Vogel, Sven Lau und Sheikh Abdellatif an. Auch die Propaganda von al-Qaida und des sog. "Islamischen Staat" studiert sie auf Internetseiten, kann aber mit ihr nicht viel anfangen. 

Durch eine Mitschülerin lernt Gülsen sich wie eine tiefgläubige Muslima zu verhalten. Sie zieht den Niqab an, geht aber selten in die Moschee. Stattdessen surft sie weiter im Internet. Ihre westlich lebenden Eltern sind zunehmend besorgt. Sie fürchten, dass Gülsen auch versuchen könnte, nach Syrien auszureisen. Immer wieder nehmen sie ihr das Handy weg. Als die Konflikte um ihren Lebenswandel zunehmen, bringen sie ihre Tochter sogar zu einer Psychologin. Doch wie die meisten ihrer Kollegen ist auch diese nicht mit islamistischer Radikalisierung als mögliche Folge einer depressiven Phase vertraut. Eine Therapie muss mit Experten abgestimmt werden. Sie dauert viele Monate, um Erfolge zu erzielen. Zu lange, um das zu verhindern, was dann passiert.

"Ich fühl mich in Deutschland nicht mehr wohl"

Ende August entscheidet sich Gülsen im Internet nach Islamisten und Jihadisten zu suchen. Sie meldet sich bei Twitter an und findet einen einzigen Account, den sie anhand seines Profilbilds - ein Mann mit Ski-Maske über dem Kopf - mit dem Jihad in Verbindung bringt. Es ist ein lange Zeit ungenutzter Beobachter-Kanal von "Erasmus Monitor". 

"Selam Akhi weißt du wie ich in Syrien gehen kann?", schreibt Gülsen etwas unbeholfen. Dubiose Nachrichten ist das Blog gewohnt, doch explizite Fragen zur Ausreise in den Jihad sind höchst ungewöhnlich. Kein erfahrener Islamist mit dem Ziel nach Syrien zu reisen geht so vor. Zuletzt kontaktierte Mitte 2015 ein damals 13-jähriger Münchner den Blog, als er auf dem Weg in den Jihad in der türkischen Grenzstadt Gaziantep gestrandet war. So ähnlich wie Gülsen schrieb auch er. Ein Alarmsignal. Vorsichtig verwickelt "Erasmus Monitor" das Mädchen in ein Gespräch.

Wie sie denn heiße, fragt der Blog. "Gülsen", so ihre Antwort. Was sie denn in Syrien machen wolle? Etwa heiraten? "Ich bin noch zu klein um zum heiraten akhi". Sie sei 14 Jahre alt, werde aber bald 15, erzählt sie. Warum sie ausreisen wolle? "Ich fühl mich in Deutschland nicht mehr wohl und möchte einfach nur weg, verstehst du es?", antwortet Gülsen. "Ich will islamisch leben." "Wegen deinen Eltern?", fragt der Blog. "Ja, wegen meinen eltern", bestätigt sie. Und: "Ich fühl mich auch nicht in der gesellschaft wohl." 

"Ich zähl kurz"

Gülsen fragt den Blog daraufhin aus. Ob wir in Deutschland oder in Syrien bzw. Irak seien. Welchen Namen die Organisation habe, der wir angehören würden. Was denn am "nähersten" von der Türkei entfernt sei, "Syrien oder Irak?" "Ich fahr ja bis Gaziantep", erklärt sie. Auf Nachfrage versichert das Mädchen aber noch kein Ticket gekauft zu haben. "Ich bin noch am überlegen."

Schließlich hat sie noch Fragen zum IS. "Also meine fragen sind: Was machen Frauen da, also, was müssen sie machen und noch ne Frage: vergewaltigt ihr auch Muslima, weil in den Medien steht, ihr vergewaltigt Jesiden und Christen." Sie habe nur schlechtes gehört vom IS. Antworten darauf fallen schwer. Noch ist in dem Moment unklar, ob sich hinter Gülsens Account tatsächlich das Mädchen verbirgt, wofür es sich ausgibt. Wie viel Geld sie denn für ihre Reisepläne mittlerweile zusammen habe, fragt "Erasmus Monitor". Sie spare noch, so ihre Antwort. "Ich zähl kurz. Bin jetzt bei 40 Euro. Kurban Bayrami (islam. Opferfest) kommt ja noch, da bekommen wir ja auch noch Geld in Shaa Allah."

"Erasmus Monitor" entschließt sich daraufhin zu handeln. Zu groß ist das Risiko, dass die 14-Jährige weitere Kanäle angeschrieben hat, hinter denen tatsächlich Jihadisten stehen könnten. Ein jugendlicher Fehltritt hätte dann das Potenzial in einer Katastrophe zu enden. Noch immer überqueren jeden Monat 50 Jihadisten die türkische Grenze in Richtung Syrien.

Behörden werden kontaktiert. Zufällig hat auch Gülsens Schule Tage zuvor aufgrund ihrer Verhaltensauffälligkeiten die Polizei angerufen. Das Mädchen wird schnell ausfindig gemacht. Nun wird sich eine professionelle Beratungsstelle um sie kümmern. Gülsen hat noch einen weiten Weg vor sich. Doch je eher ihr in einem so frühen Stadium der Radikalisierung geholfen wird, desto eher können ihre Eltern darauf hoffen, dass ihre Tochter in Zukunft wieder ein normales Leben führen wird. Ganz gleich, ob mit Koran, Anime, Rockmusik oder "Gronk".

Warum der Blog in Ausnahmefällen mit Behörden kooperiert, lesen sie hier.