Donnerstag, 1. September 2016

Gastbeitrag: Eine Mutter kämpft um ihren Sohn


Über 800 meist junge Menschen aus Deutschland sind nach Syrien und Irak gereist, um sich dem Jihad anzuschließen. Zurück bleiben Eltern, die sich oftmals mit Schuldgefühlen quälen. Die Frankfurter Professorin Christine Huth-Hildebrandt hat in Hamburg mit einer Mutter gesprochen, der es gelang, ihren Sohn von seinen Ausreiseplänen abzubringen. Für sie war es ein jahrelanger Kampf.


"Er fing an den Koran zu lesen"

Ich treffe Zehra in einem Vorort von Hamburg. Sie will mir von sich berichten, erzählen "wie ich ihn da rausgeholt habe, meinen Sohn, raus aus diesem radikalen islamistischen Sumpf." Wir sitzen in einem kleinen Café. Ich beginne mit meinen Fragen. "Warum wolltest Du eigentlich mit mir sprechen?" "Ich will", erhalte ich als Antwort, "ich will betroffenen Familien sagen, dass noch nicht alles verloren ist, wenn ein Sohn sich plötzlich den Bart wachsen lässt und zu Hause erzählt, man praktiziere nicht den richtigen Glauben und man sei auch nicht besser als all diese Kuffar."

Zehra hat gekämpft um ihren Sohn, der auf dem Weg war, in den Jihad zu ziehen. Es war ein nervenzerreibender jahrelanger Kampf. Aber sie hat ihn durchgestanden. Meistens allein, im Hintergrund aber immer gestützt von ihrer Familie.

Wie und ab wann hast Du überhaupt bemerkt, dass Dein Sohn sich ernsthaft mit dem Jihad auseinandergesetzt hat?

Bemerkt hab ich erstmal gar nix. Da gab es vielleicht ein paar äußerliche Anzeichen, die ich in Richtung einer religiösen Einstellung deuten konnte, aber das waren nur äußerliche Anzeichen. Und diese Zeichen seiner Veränderung hab ich mehr mit der Depression in Zusammenhang gebracht, in der sich mein Sohn damals befunden hat. Vor ungefähr drei Jahren hat diese äusserliche Veränderung begonnen. Er fing an den Koran zu lesen bzw. zu hören. Und er erklärte immer, das sei wichtig und wie eine Medizin für ihn. Gut, dachte ich, es ist gegen seinen Liebeskummer und gegen die Depression, denn er war gerade von einem Mädchen verlassen worden. 

Salafisten in Bonn (2012)
Und eigentlich war ich auch froh – das sagen übrigens auch viele Mütter – und dachte, wenn es ihm gut tut, dann lassen wir ihn halt. Und das ist genau das Fatale beim Beginn einer solchen radikalen Entwicklung, denn ihnen wird beigebracht, haltet euren Vater und eure Mutter still. Und das hat er dann auch gemacht. Er wurde immer stiller, hat nicht mehr widersprochen, war brav, hat mich nicht mehr verletzt. Und so hat er auch mich still gehalten, denn er gab mir keinen Grund, ungehalten zu sein. Aber der Bart, der ist dann langsam immer länger geworden. Das ist mir dann doch aufgefallen.

Und wie hat sich das Ganze dann weiter entwickelt?

Also erst hat er ja nur den Koran zu Hause gelesen. Aber dann hat er auch die Moschee gewechselt und ist von unserer DITIB-Moscheen weg und hin zu einer anderen gegangen, zu einer dieser Salafisten-Moscheen.

Ein ungutes Gefühl

Wie hast Du das bemerkt?

Die Leute haben uns das zugetragen. So wie das bei uns halt ist. Mein Mann geht ja in die Moschee. Man kennt sich und man spricht miteinander. Und so haben die Männer dann meinen Mann angesprochen und ihn gefragt, wieso geht denn dein Sohn jetzt in diese fundamentalistische Moschee? Aber mein Mann ist da immer noch nicht wach geworden. Er hat meinen Sohn mal darauf angesprochen. Doch dieser hat ihn beruhigt und gemeint, unter den Türken würde so viel getratscht, das passe ihm nicht, er wolle einfach nur aus dem Koran hören, darum habe er gewechselt. Ja, und darauf sind wir reingefallen.

Hat Dein Sohn damals noch zu Hause gewohnt?

Ja, das hat er. Und da er die türkische Sprache nicht so gut kannte, dachten wir, lassen wir ihn ruhig in diese Moschee gehen, wenn es ihm dabei doch so gut geht. Obwohl, wenn ich mich rückerinnere, ich habe schon damals immer ein Auge darauf gehabt. Aber als er so freundlich und versöhnlich wurde, und die körperlichen Symptome seiner Depression auch abgenommen haben, da habe ich mich wieder beruhigt. Und auch das war eben das Fatale.

D.h. Du hattest schon ein ungutes Gefühl, als er die Moschee gewechselt hat?

Ja, das war mir schon verdächtig. Denn diese Moschee ist berühmt dafür, dass sie sehr radikal ist und dass dort angeblich auch rekrutiert wird. Es gab etliche Medienberichte über diese Moschee, daran erinnerte ich mich dann auch und da habe ich schon manchmal gedacht, oh oh, da stimmt was nicht.

Wieso hast Du Dich überhaupt mit dem Thema einer eventuellen Radikalisierung beschäftigt? Wieso hast Du Dir gerade diese Medienberichte gemerkt?

Ja, ich denke, weil man in seiner Umgebung doch immer wieder davon gehört hat, aber man denkt dann ja meist, es betrifft immer nur die Anderen. Ich hatte zwar im Hinterkopf, dass es da eine Moschee gibt, in der Kinder für Syrien rekrutiert werden. Ich wusste das aber nur vom Hörensagen und dachte, mich würde das nie betreffen. Ich wollte es einfach nicht wahr haben. Und dann bin ich ihm aber doch mal gefolgt. Ja und dann habe ich es gesehen, wie er da rein ging und wie der mit diesen Radikalen dann wieder raus kam aus dieser Freitags-Moschee. Ja, und von da an habe ich angefangen zu recherchieren und habe ihm dann auch Fragen gestellt. 

Er hat mir damals sehr patzige Antworten gegeben und hat alles geleugnet. Aber er hat mich auch mit Vorwürfen konfrontiert, ich würde mich nicht auskennen, keine richtige Muslima sein. Und so habe ich bröckchenweise bemerkt, wie er uns eigentlich moralisch verurteilt. Wir seien keine richtigen Moslems, wir hätten ihn nie in die Moschee gebracht, hätten ihm keine richtige islamische Erziehung gegeben und und und. Wir hätten ihn niemals daran gehindert, Diskotheken zu besuchen und hätten auch nichts gegen sein "high life" gesagt. Es kamen Vorwürfe über Vorwürfe, aber an seiner Wortwahl und dem, was er da so alles gesagt hat, hat man schon gemerkt, dass das nicht sein Eigenes war, sondern dass man ihm da auch vieles in den Mund gelegt hat.

"Abenteuer pur"

Als Du diese Vorwürfe zu hören bekamst, was hat das mit Dir gemacht, wie hast Du Dich dabei gefühlt und vor allem, wie bist Du damit umgegangen?

Ich war wütend. Richtig wütend!

Wütend auf wen oder auf was?
Prediger Pierre Vogel

Wütend auf diese Moschee und darauf, dass mein Sohn so naiv sein kann, auf solches Gerede reinzufallen und dass er seine Eltern so verurteilen kann.

Diese Vorwurfshaltung ist ja normalerweise in den Familien mit türkischem Hintergrund, die ich kenne, so nicht üblich. Eltern gegenüber hat man höflich zu sein, zumindest nach außen hin, egal was man innerlich denkt.

Das war auch die ganze Zeit so, bis ich eben seine Ambitionen aufgedeckt habe. Das war für ihn das Unangenehme, und es war seine Art, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Heute weiss ich, wie wichtig es für die Rekrutierungen ist, dass die jungen Leute ihre Eltern still halten. Eltern, die aufmucken und sich gegen die Veränderungen ihrer Kinder wehren oder sogar etwas dagegen in die Wege leiten, das schafft unangenehme Aufmerksamkeit, die nicht erwünscht ist. Die jungen Leute werden daher angehalten, ihre Eltern ruhig zu halten, damit mit möglichst wenig Aufmerksamkeit für den Jihad weiter rekrutiert werden kann. Hat jemand also laute Eltern, schafft das Probleme in der salafistischen Gemeinschaft. Daher hat er dann ja auch mit allen Mitteln versucht, uns irgendwie in Schach zu halten.

Wie ist das denn mit Dir gewesen, als Du irgendwann angefangen hast, die Situation zu begreifen? Hast Du auch mal nachgedacht, wie das passieren konnte, und ob Du da irgendwas falsch gemacht hast? Müttern sagt man ja immer wieder nach, dass sie die Fehler oft erst einmal bei sich suchen.

Nein, noch nie! Ich mach mir keine Vorwürfe! Und ich lasse mir das auch von niemandem einreden. Wir haben unseren Kindern immer andere Werte mitgegeben, es ist egal ob jemand Christ oder Moslem ist. Es sind allgemeingültige menschliche Werte, die wir ihnen vermittelt haben. Also, dass er nicht klauen soll, dass er niemanden umbringen soll, dass er nicht lügen soll, dass er Menschen nicht verachten darf, sondern im Gegenteil, dass alles mit Liebe gemacht sein soll. Nein, da muss ich mir keine Vorwürfe machen!

Es waren übrigens auch nicht nur die Leute in der Moschee, die ihn beeinflusst haben. Eigentlich fing alles an mit diesem Pierre Vogel. Von dem hat er sich Videos angesehen. Ein Freund hatte die mitgebracht. Und dann ging es erst richtig ab. Die haben sich richtig gegenseitig hochgestachelt und mitgerissen. Auf der einen Seite die Moschee und dann noch die Freunde! Einige haben sich dann zwar fern gehalten und nicht mitgemacht, aber einige doch. Das war wie ein neuer Lebensabschnitt, so kommt mir das heute vor. Abenteuer pur. Wow, wir können an die Waffen, denn da ist ja Krieg, und alles für eine humanitäre Sache! Das hat ihnen gefallen.

"Er warf mir vor, ich sei zu verdeutscht"

Was hat sie mehr fasziniert, Hilfe zu leisten oder in den Krieg ziehen zu können? Wie siehst Du das heute?

Am Anfang war das wohl eher mehr der Krieg. Also richtig an die Waffe gehen und kämpfen. Und er hat sich wirklich eingebildet, dass er da für etwas Gutes kämpfen würde und auch muss. Ich hab ihm immer versucht zu erklären, kämpfe doch mit deinem Kopf, nimm doch dein Gehirn als Waffe. Aber das hat er nicht angenommen. Er warf mir vor, ich sei zu verdeutscht. Ich wäre zu freundlich sein, und es kämen jetzt auch härtere Zeiten, Moslems würden sterben und die ganze Welt schaue einfach zu.
Verwundeter Zivilist im Gaza-Streifen (Amnesty Int.)

Er scheint damit nicht unrecht gehabt zu haben. Wenn ich an den letzten Gaza-Krieg denke: grauenhaft.

Ich habe ihm auch gesagt, natürlich ist das schlimm. Aber vor Ort zu helfen muss nicht unbedingt mit der Waffe sein, um dann an vorderster Front zu sterben und fertig! Da hilft man doch Niemandem. Aber egal, was ich gesagt habe, kein Wort hat geholfen.

Christine Huth-Hildebrandt ist Professorin an der Frankfurt University of Applied Sciences. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Theorien, Konzepte und Methoden Sozialer Arbeit unter besonderer Berücksichtigung der Neuen Medien. Im Januar 2016 initiierte sie eine Petition für die Solidarisierung deutscher Akademiker*innen mit politisch verfolgten Wissenschaftlern in der Türkei. Auf ihrem Blog "Pergamon" schreibt sie gemeinsam mit dem Türkei-Kenner Selçuk Salih Caydı Beiträge zu politischen und sozialen Entwicklungen in Deutschland und der Türkei. Teil 2,3 und 4 des Gesprächs können sie auf ihrem Blog nachlesen.