Mittwoch, 3. August 2016

Das Spiel mit dem Tod


Denis Cuspert wurde schon oft tot gesagt. Vor einigen Wochen kursierte ein Bild mit einem offensichtlich leblosen Körper des Ex-Berliners. Doch Aussagen mehrerer Quellen von "Erasmus Monitor" deuten darauf hin, dass das Foto eine Fälschung ist. 

Von Heiner Vogel

Libyen

Unzählige Male wurde der Ex-Berliner Jihadist Denis Cuspert für tot erklärt. 2013 überlebte er als Kämpfer der tschetschenischen Rebellengruppe "Junud ash-Sham" einen verheerenden Luftangriff der syrischen Armee und lag danach lange mit schweren Kopfverletzungen in einem türkischen Krankenhaus. In den darauffolgenden zwei Jahren folgten unzählige weitere Todesmeldungen. Im Oktober letzten Jahres erklärte dann sogar das US-Außenministerium, dass der 43-Jährige durch einen Angriff der US-Luftwaffe getötet worden sei. Eine Ehefrau Cusperts,  Mitstreiter vom IS sowie deutsche Sicherheitsbehörden widersprachen gegenüber "Erasmus Monitor" den Amerikanern. Cuspert sei am Leben.

Angeblich toter Cuspert
Vor einigen Wochen begann eine neue Runde der Spekulationen. Ein Bild kursierte im Internet. Darauf zu sehen: das leblose Gesicht von Denis Cuspert. Ein syrischer Twitter-Journalist hatte das Foto veröffentlicht und behauptet, der Deutsche sei in Mossul bei einem Drohnenschlag getötet worden. Ein IS-Kontakt in der irakischen Großstadt habe ihm die Information übermittelt. Doch wie in der Vergangenheit kommentierten deutsche IS-Propagandisten die Meldung nicht.

Das Foto offenbart ohnehin eine große Ungereimtheit. Das Label "Millatu Ibrahim" wird von deutschen IS-Kämpfern schon lange nicht mehr verwendet. Die ursprünglich in Solingen beheimatete Gruppe hatte sich mit der Ausrufung des IS-Kalifats 2014 aufgelöst, ihre Mitglieder wechselten in die offiziellen Truppen des IS.

In der Szene wurde daraufhin über die Echtheit des Fotos diskutiert. Inbesondere ehemalige Weggefährten von Cuspert rätselten darüber, wie das Bild an die Öffentlichkeit gelangt war. Möglicherweise auch deswegen, weil es wohl in einer Zeit enstand, in der sich nach dem offiziellen Verbot von "Millatu Ibrahim" 2012 ehemalige Mitglieder nach und nach ins Ausland absetzten, um sich am internationalen Jihad zu beteiligen. In Gesprächen von "Erasmus Monitor" mit Personen aus dem Umfeld der Gruppe fiel in diesem Zusammenhang mehrere Male der Begriff "Libyen".

Jihad in Afrika

Nachdem Cuspert Ende Juni 2012 seinem einige Monate zuvor ausgereisten Freund Mohamed Mahmoud nach Ägypten gefolgt war, durchlief er laut einem Bericht der Vereinten Nationen in einem islamistischen Trainingslager in Marsa Matrouh nahe der libyischen Grenze eine Waffenausbildung. Dorthin hatten sich auch andere Anhänger des verbotenen Solinger Vereins "Millatu Ibrahim" abgesetzt, darunter der Berliner Reda Seyam sowie mehrere Jihadisten aus Bayern und NRW. Zwischen Marsa Matrouh und  den libyischen Städten Derna und Benghazi herrschte ein reger Verkehr von Waffen und Kämpfern. Auch Cuspert und Mahmoud nutzten diese Routen, um in das vom Bürgerkrieg erschütterte Land zu reisen.

Dort hielten sich die beiden wohl im Zeitraum zwischen Ende 2012 und Anfang 2013 einige Monate lang auf. In der Region Derna versuchten sie nicht nur Kontakte zum internationalen al-Qaida-Netzwerk zu knüpfen, sondern bemühten sich auch darum eine Anlaufstelle für den deutschen Jihad in Afrika aufzubauen. Ihr eigentliches Ziel war vermutlich der Norden Malis, in dem al-Qaida einen blutigen Feldzug gegen die dortige Regierung führte. Als die französische Regierung in den Konflikt eingriff, mussten die Reisepläne aufgegeben werden.

Die libyische Grenzstadt Derna galt nach dem Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi als Hochburg der Islamistengruppe "Ansar al-Sharia" und bot Cuspert und Co. zunächst einen sicheren Hafen. Die Gruppe, die während dem bewaffneten Aufstand gegen al-Gaddafi von Ägypten sowie Golfstaaten wie Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten finanziell und logistisch unterstützt worden war, wird auch für den verheerenden Angriff auf die US-Botschaft in Benghazi im September 2012 verantwortlich gemacht, bei dem US-Botschafter Chris Stevens sowie zwei weitere Mitarbeiter starben.

Heute prominenter IS-Prediger: Turki al-Binali
Die Deutschen begegneten in Derna zahlreichen Personen, die sich in den darauffolgenden Monaten nach Syrien absetzten. Darunter waren Tunesier, Libyer und Marrokaner. Als wichtige ideologische Bezugsperson von Cuspert und vor allem Mahmouds gilt der heute als IS-Prediger bekannte Bahraini Turki al-Binali alias Abu Sufyan as-Sulami. Der ehemalige Schüler des bedeutenden al-Qaida Ideologen Sheikh Muhammad al-Maqdisi besuchte Libyen wahrscheinlich genau in dem Zeitraum (zwischen Ende 2012 und Anfang 2013), in dem sich auch die Deutschen dort aufhielten.

"Der macht ne' Menge Blödsinn"

Dass die Kontakte der Deutschen zu dem Prediger in Libyen über Internetchats hinausgingen, zeigen zwei ijazahs (Lehrbefugnisse), die der Bahraini dem heute 32-jährigen Mahmoud im Jahr 2013 ausstellte. Auch die Solidaritätsbekundungen, die al-Binali nach der Inhaftierung des deutschen Propaganda-Chefs von "Millatu Ibrahim" im März 2013 in sozialen Netzwerken veröffentlichte, legen nahe, dass es Mahmoud und Cuspert in Libyen tatsächlich gelungen war, in der internationalen Jihad-Szene Fuß zu fassen. "Er ist von den meisten meiner Geliebten, die mir gutes getan haben. Er unterstützt mich, bevor ich eine Unterstützung fordere. Er ließ mich nie im Stich, selbst während seiner Gefangenschaft", schrieb al-Binali damals über Mahmoud.

"macht ne' Menge Blödsinn": Denis Cuspert
In Libyen, so berichten es Quellen von "Erasmus Monitor", soll auch das Bild des scheinbar toten Cuspert enstanden sein, welches in den vergangenen Wochen kursierte. Es sei ein "Spaß" gewesen, den sich der 41-Jährige damals erlaubt habe. Nur ein kleiner Kreis von ehemaligen Gefährten, die dem "Shooting" Cusperts beigewohnt hätten, wüssten von dem Schwindel. Ob es für Islamisten denn nicht ungewöhnlich sei, sich über den Tod lustig zu machen? Bei "Abu Talha" müsse man sich über nichts wundern, so ein Gesprächspartner aus der militanten Szene. "Der macht ne' Menge Blödsinn und hat null Ahnung [...]".

Deshalb vermute man, dass jemand aus dem Umfeld des Ex-Rappers das "exklusive" Bild gezielt durchgestochen habe. Der Grund? "Er (Cuspert) plant vielleicht was", so ein Verdacht. Was das sein könne, wisse man aber nicht. Die Zeit Cusperts in Libyen, sie war wohl auch damals schon ein Spiel mit dem Tod.