Mittwoch, 27. April 2016

"Imame des Unglaubens"

Der Islamische Staat (IS) droht deutschen Predigern offen mit dem Tod. Der Kampf innerhalb der  deutschen Salafismus-Szene um Deutungshoheit und Anhänger scheint zunehmend zu eskalieren. Der offene Schlagabtausch zwischen Lehrern und ihren einstigen Schützlingen offenbart, wie tief die Spaltung in der Szene mittlerweile vorangeschritten ist.

Von Heiner Vogel

"Imame des Unglaubens"

Die deutsche Sektion der IS-Propaganda fokussiert sich immer stärker auf die führenden Prediger der Salafismus-Szene. Ob Pierre Vogel, Brahim Belkaid oder Ahmad Armih: Sie alle erhalten fast täglich eindeutige Botschaften aus dem Lager des IS. Letzte Woche veröffentlichten sowohl das IS-Magazin "Dabiq" als auch der unter anderem von Deutschen betriebene Kanal "al-Furat" jeweils Drohungen in die Richtung von Pierre Vogel. Als Apostat bezeichnete "Dabiq" Vogel in einem Artikel, in dem dazu aufgerufen wurde, ihn und viele andere internationale Prediger als "Imame des Unglaubens" zu töten.

al-Furat: Pierre Vogel
Parallel legte "al-Furat" nach und veröffentlichte ein Video ("Die Wahrheit über Pierre Vogel"), in dem ebenfalls zur Tötung Vogels wegen seinen ablehnenden Reaktionen auf die IS-Anschläge in Paris und Brüssel aufgerufen wurde. 

Die direkten Mordaufrufe sind eine neue Eskalationsstufe im ideologischen und politischen Streit um die Legitimität des IS. Seit der offiziellen Ausrufung von "Al-Dawlah al-Islamiyya" im Juni 2014, zieht sich ein tiefer Graben durch die Salafismus-Szene in Deutschland. Während IS-Unterstützer die Prediger und al-Qaida-Sympathisanten als "Murtadeen" (Abtrünnige) beschimpfen, nennen diese die Kalifatsjünger "Khawarij" (Sektenmitglieder), "Takfiris" bzw. "Ghulat" (Übertreiber). Doch der Konflikt basiert weniger auf der Frage, ob die Gründung eines Kalifats erstrebenswert ist oder nicht. 

Die Idee zur Gründung eines sunnitisch-islamischen Herrschaftssystems auf Basis der Sharia-Rechtsprechung ist nicht neu. Und sie wird schon seit langem in der salafistischen Szene als Ideal im Gegensatz zu Demokratien und Autokratien beschworen. Im wesentlichen vermischen sich in diesem Konflikt realpolitische Überlegungen mit ideologischen Deutungsschemata. Doch wie konnte es eigentlich dazu kommen?

Jihadisten als willkommene Verstärkung

Als ab 2012 immer mehr Jihadisten aus Europa nach Syrien strömten, galten diese sowohl säkularen Rebellen als auch den einheimischen Salafisten als willkommene Verstärkung im Kampf gegen die Regierung von Bashar al-Assad. Ob in Provinzen wie Damaskus, Hamah, Lattakia, Idlib oder Aleppo: Überall schlossen sich Ausländer syrischen Rebellengruppen wie "Jabhat al Nusra" (Unterstützungsfront für das syrische Volk) oder "Ahrar al-Sham" (Islamische Bewegung der freien Männer der Levante) an. Sie gründeten häufig auch eigene Brigaden, gaben sich Namen wie "Jaish al-Muhajireen wal Ansaar" (Armee der Auswanderer und Helfer), "Junud ash-Sham" (Soldaten der Levante) oder organisierten sich auch bei Gruppen des ISI (Islamischer Staat im Irak, Mitte 2013 zu ISIS unbenannt). 

Zwischen 2012 und September 2013 kämpften diese Gruppen noch gemeinsam mit den syrischen Extremistengruppen gegen die Assad-Regierung. Sie verband im Kern das Ziel, die herrschende Klasse der Alawiten zu beseitigen und stattdessen einen sunnitischen Gottesstaat in Syrien zu errichten. Von Demokratie wollten sie nichts wissen. Die sog. "Freie Syrische Armee" (FSA), eine heillos zersplitterte Ansammlung von semi-säkular orientierten Rebellen, wurde schon früh durch die militärische Überlegenheit der Jihadisten marginalisiert, auch wenn internationale Medien lange Zeit die Präsenz starker Islamistenverbände in Syrien (bewusst) übersahen und alle Aufständischen unter diesen vagen aber sympathischen, westlich-konnotierten Begriff subsumierten.

In diesem Zeitraum hatten die deutschen Prediger mit dem irakisch verwurzelten ISI kein Problem. Daher drängten sie ihre Anhängerschaft in verklausulierter Sprache dazu, sich ebenfalls dem Jihad in Syrien anzuschließen. Wem sich die Rekruten anschließen sollten, das blieb ihnen selbst überlassen. In ihren Predigten griffen die Wortführer der Salafisten religiöse Minderheiten in Syrien gezielt an, evozierten damit einen Kampf der Guten (Sunniten) gegen ein Kollektiv des Bösen (Alawiten, Schiiten und Christen). Zahlreiche junge Salafisten ließen sich auf Islamseminaren, Benefizveranstaltungen und öffentlichen Predigten aufhetzen, viele von ihnen schlossen sich in der Folge dem Jihad in Syrien an. Und die meisten landeten beim IS.

Mittlerweile tot: IS-Führungskader Tarchan Batiraschwili (Mitte)
Dass die Prediger an der Beteiligung von ISI an Kämpfen in Syrien zunächst einmal keinen Anstoß fanden, offenbarte der kollektive Jubel nach der Eroberung des Aleppiner Luftwaffenstützpunkts Menegh Mitte 2013. Nur mithilfe der kampferprobten Ausländer der irakischen Terrororganisation gelang es den Islamisten, die Armeebasis zu stürmen. Auch ein Filmteam des katarischen Fernsehsenders "Al-Jazeera" drehte vor Ort. Sie interviewten die bunt zusammen gewürfelte Kampftruppe aus FSA und Jihadisten. Ganz vorne dabei: Der Georgier Tarchan Batiraschwili alias Abu Omar al-Shishani, bis März dieses Jahres führender Kommandeur der syrischen IS-Truppen.

Zwischen den Fronten

Dann folgte 2013 der große Bruch zwischen syrischer und irakischer al-Qaida. Abu Bakr al-Baghdadi beanspruchte vor allem in Aleppo immer mehr Einfluss- und Machtbereiche. Die verbündeten Gruppen wurden plötzlich unter Druck gesetzt, der totalitäre Anspruch des IS auf Gehorsam und Treue wurde in die Tat umgesetzt. 

Auch deutsche Aktivisten wie Joel Kayser, Chef der salafistischen Hilfsorganisation "Ansaar International", berichtete "Erasmus Monitor" von diesen einschneidenden Veränderungen. Tschetschenische Veteranen seien in die Dörfer rund um Aleppo eingefallen und hätten plötzlich die Kontrolle übernommen. Niemand habe gewusst, woher sie gekommen waren, so Kayser. Er sah die Schuld dafür bei "westlichen Geheimdiensten". In Wirklichkeit hatte der spätere Kalif al-Baghdadi seine eigenen Geheimdienst- und Kommandozellen in Aleppo aktiviert. Mit der Begründung des ISIS und der Weigerung von Jabhat al-Nusra Chef, Muhammad al-Jolani, sich al-Baghdadi unterzuordnen, brach im August 2013 zwischen FSA, al-Qaida und ISIS ein offener Krieg aus.

Zahlreiche deutsche Jihadisten fanden sich zwischen den Fronten wieder. Die meisten von ihnen liefen aufgrund der militärischen Übermacht zum ISIS über. Den Predigern wiederum entglitt die Kontrolle über das Geschehen in Syrien. Plötzlich bekämpften sich die gefeierten "Mujahideen" gegenseitig: Sunniten gegen Sunniten. Wie sollten sie den Jihad in Syrien ihrer Anhängerschaft nun in Zukunft erklären? 

Hilf- und Ratlosigkeit

Die meisten Prediger hielten sich zunächst mit klaren Verurteilungen von ISIS zurück. Stattdessen riefen sie die "Ummah" dazu auf sich wieder zu versöhnen und den wahren Feind zu bekämpfen: Die Autokraten und Diktatoren im nahen Osten. Sie blieben in einer abwartenden Stellung und beobachteten die Entwicklungen genau. Niemand von ihnen wusste, wie sich die al-Qaida-Führung um Aiman az-Zawahiri zu al-Baghdadis Alleingang verhalten würde.

Hilf- und Ratlosigkeit machte sich aber unter ihnen breit. Denn die deutschen Jihadisten von ISIS forderten sie heraus. Mit ihrer professionellen Propaganda in Schrift und Bildern, übernahmen sie die Deutungshoheit über den Jihad in Syrien. Sie sprachen die Zielgruppe in Deutschland direkt an und kontrastierten die Reden der Prediger mit fehlender Glaubwürdigkeit. Denn die "Geistlichen", die über Syrien so engagiert sprachen, waren selbst nie Teil des Jihads gewesen. "Sich im Land der Kuffar auf Kosten des Steuerzahlers die Bäuche füllen und dann über Jihad und die Mujahideen reden.", lautete ein gängiger Vorwurf.

Laien-Prediger aus dem Umfeld der ehemaligen Hooligan-Truppe "Millatu Ibrahim" wie Mohamed Mahmoud und Denis Cuspert betraten immer häufiger die öffentliche Bühne. Ein zusätzliches Problem für die führenden Prediger. Denn mit den beiden waren Leute wie Pierre Vogel, Ibrahim Abou Nagie und viele andere Prediger früher in der Öffentlichkeit aufgetreten. Bei ihnen hatten sie damals - zu Recht - auf einen größeren Rekrutierungserfolg bei der Jugend gehofft.

Manipulierte wurden zu Manipulierern

Mohamed Mahmoud, Denis Cuspert
Nun wendeten sich die einstmals leicht zu manipulierenden Charismatiker gegen sie und wurden selbst zu Manipulierern. Mit der Ausrufung des Kalifats im Juni 2014 wurden die Prediger dazu gezwungen, Stellung gegen den IS zu beziehen. Denn nun gehörten sie wie alle anderen Muslime zur Kategorie "Verräter", die sich nicht dem IS anschlossen und im Land der Kreuzzügler weiterhin wohnten. Vor allem Mohamed Mahmoud, das Sprachrohr der deutschen IS-Kämpfer, forderte die Prediger immer wieder zu öffentlichen Debatten über den IS und dessen "Manhaj" (Methodik) heraus.

Szene-Größen wie Said el-Emrani, Pierre Vogel, Bernhard Falk, Mohammed Cifti, Ahmad Armih, Izzudin Jakupovic, Brahim Belkaid, Sven Lau, Adhim Kamouss, Abdelilah Belatouani und Ferid Heider veröffentlichten zum Teil harsch formulierte Pamphlete und Reden gegen den IS. Seitdem tobt der ideologische Kampf innerhalb der Salafisten-Szene. Fast täglich erhalten die Prediger Morddrohungen von IS-Unterstützern, ihren einst hörigen Schülern.

Dass nun Pierre Vogel erneut ins Fadenkreuz des IS gerät, ist keine Überraschung. Vogels Stellung in der Szene und sein Einfluss auf die umworbene Jugend sind unbestritten. Seinen Aussagen wird nach wie vor großes Gewicht beigemessen. Nach den verheerenden IS-Anschlägen in Frankreich und Belgien, sieht sich der ehemalige Boxer mittlerweile dazu genötigt, als eine Art Mediator zwischen Szene und Öffentlichkeit aufzutreten. Der Druck auf die Prediger durch die Zivilgesellschaft steigt merklich. Einige mussten darauf reagieren.

Im Hardlinerlager von IS und al-Qaida kommen Vogels Versuche zur Öffentlichkeitsarbeit nicht gut an. Sie werfen ihm und anderen Predigern eine unterwürfige Haltung gegenüber den "Kuffar" (Ungläubigen) vor.

Fraglich bleibt, ob und wie sich die Prediger-Szene in Zukunft verhalten wird. Derzeit sind drei unterschiedliche Tendenzen auszumachen:
  1. Das Lager der Reformer: plädieren für fundamentale Kursänderung in der salfistischen Lehre, Öffnung in Richtung Zivilgesellschaft und anderen Religionen, verbale Abrüstung, alternative Lehrmethoden, Gegnerschaft zu IS und al-Qaida. Beispiele: Adhim Kamouss, Ferid Heider; beobachtbare Folgen: kämpft mit starken Anfeindungen, Bedeutungsverlust in der Szene.
  2. Das Lager der Relativisten: beharren auf bisheriger Lehr- und Glaubenspraxis, tendenzielle Unterstützung für primär regional begrenzten Jihad in der Tradition von al-Qaida, vorsichtige verbale Abrüstung, moderate Öffnung in Richtung Öffentlichkeit, Gegnerschaft zum IS, Terrorakte werden abgelehnt, aber relativiert. Beispiele: Pierre Vogel, Ibrahim Abou Nagie, Said el-Emrani; beobachtbare Folgen: starke Polarisierung im IS-Lager, Authoritätsverlust in Teilen der militanten Szene.
  3. Das Lager der konspirativen Hardliner: bewegen sich abseits des Mainstreams, aggressiv-polarisierende Glaubenslehre, unterstützen den globalen Jihad, bemühen die Idee des Kalifats, ordnen sich jihadistischen Lagern zu (IS, al-Qaida), instruieren und rekrutieren für den Jihad, agieren dabei konspirativ. Beispiele: Ahmad A. A. (Abu Walaa), Sven Lau, Izzudin Jakupovic.