Sonntag, 17. April 2016

"Hymnen des Jihads"


Sechs Jahre lang forschte der Islamwissenschaftler Behnam Said zu islamistischen Naschids. Das Resultat ist eine beeindruckende Dissertation, die die Bedeutung der jihadistischen Hymnen als Poesiegattung islamwissenschaftlich, historisch sowie sozio-kulturell umfassend beleuchtet. Saids Arbeit zeigt auch: Naschids sollten bei der Untersuchung von (Eigen-)Radikalisierungsprozessen nicht außer Acht gelassen werden.
Abu Ahmad al-Tunisi

Er nannte sich Abu Ahmad al-Tunisi und war eine kleine Berühmtheit unter den Anhängern des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS). Der Grund: Abu Ahmad, der aus der tunesischen Salafisten-Hochburg al-Qairawān stammte, hatte eine begnadete Stimme und sang mehrere Hymnen für die Terrororganisation. Seine Naschids handelten von der Vergänglichkeit des Lebens auf dieser Welt (ad-dunyā ), von Märtyrern und forderten die Hörer dazu auf, sich dem neuen Kalifat anzuschließen, um den „gerechten Lohn“ - das Paradies (ǧanna) - zu ernten.

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Doch der charismatische Sänger fungierte auch als PR-Gesicht des IS. Mit einem breiten Grinsen glorifizierte Abu Ahmad in den brennenden Ruinen von Kobane das Schicksal eines Märtyrers (šahīd). Letztes Jahr folgte er selbst diesem in Naschids häufig beschworenen Ideal. In einem mit TNT-bepackten Auto sprengte er sich im irakischen Baiji in die Luft. Noch kurz vor seiner Tat besang der Tunesier vor der Kamera der IS-Propaganda seinen eigenen Tod.

Welche Bedeutung islamistische Naschids im Kontext der globalen Jihad-Bewegung einnehmen, dies hat der Islamwissenschaftler Behnam Said in seiner Dissertation „Hymnen des Jihads“ genauer untersucht. Sechs Jahre lang dauerte seine akribische Arbeit. Am Ende steht eine Studie, die die ambivalente Stellung der jihadistischen Musik im Islam und ihre historisch-kulturelle Einbettung in der islamisch-arabischen Welt aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet.

Hymnen mit "islamistisch-militanter Textbotschaft"

Der Begriff Naschid kommt aus dem arabischen (nashīd) und bedeutet "fertiges Lied". Es handelt sich dabei um ein Gedicht, dass unter Miteinbeziehung verschiedener musikalischer Elemente aufgesagt oder gesungen wird. Etymologisch wurde der Begriff spätestens im 9. Jahrhundert mit Musik in Zusammenhang gebracht. Laut Behnam Said bestand der Naschid in der Frühzeit des Islams vor allem aus „kurzen vokalen Improvisationen“, meist aus ein oder zwei Wörtern bestehend, „der eine längere musikalische Darbietung folgte.“
 
Dichtkunst, Sprachgesänge und auch Instrumentalmusik haben sowohl im europäischen als auch im arabischen Kulturraum eine lange Tradition. Auch nach dem Beginn der islamischen Bewegung, so Behnam Said, bildeten melodische Rezitationen von Gedichten und Gesängen einen integralen Bestandteil in der islamischen Kultur.

Bereits zu Zeiten des Propheten Muhammads kam dem Gedicht eine bedeutende Rolle zu. So hätten Muslime vor den Schlachten Verse im Raĝaz (Gedichte mit steigendem Rhythmus) im Sinne des Selbstlobs (faḫr) und als Eifer erweckend (ḥamāsīya) aufgesagt. Der Prophet selbst, so Said unter Berufung auf zwei bedeutende Sahwa-Gelehrte, soll seine Gefährten zum inšād (religiöser Gesang) aufgerufen haben.

Heute werden Naschids vor allem in der wahabitischen, salafistischen und jihadistischen Bewegung komponiert und gehört. Einzelne oder mehrere Sänger tragen die Gedichte in der Regel a capella vor, wobei in manchen Liedern auch Instrumente oder Audioeffekte vorkommen können. Bei solchen Naschids handelt es sich um Hymnen mit "islamistisch-militanter Textbotschaft". Wie Behnam Said ausführt, behandeln Naschids insbesondere emotionale Themen wie Kampf, Trauer, Lob, Märtyrertum, die Verehrung der Mutter, Gefangenschaft sowie spezifische politische Situationen.

Andauernder Meinungsstreit

Dabei nimmt die Musik als Kunstgattung im Islam eine höchst umstrittene Stellung ein. Islamische Gelehrte diskutieren seit langem darüber, ob und welche Art von Musik der Koran überhaupt gestattet. Im islamisch-arabischen Kulturraum werden musikalische Ausdrucksformen keinesfalls wie im Westen unter einem Hauptbegriff subsumiert. 

Dort wird Musik laut Said häufig in zwei Kategorien eingeteilt: Der säkulare bzw. nicht-religiöse (arab. ´ginā`; mūsiqā) und der religiöse Gesang (arab. samāʿ). Während der nicht-religiöse Gesang oftmals mit Tanzen, Alkoholgenuss und Musikinstrumenten assoziiert und damit von vielen islamischen Gelehrten als verboten (ḥarām) angesehen wird, ist das Hören religiöser Musik bzw. intonierter Dichtung durchaus anerkannt.

Der Koran enthält jedoch keine expliziten Aussagen zur Legitimität von Musik. Gegner und Befürworter berufen sich oftmals auf einschlägige Textpassagen, die einen großen Interpretationsspielraum bieten. Beide Seiten argumentieren daher häufig auf Basis von islamischen Rechtsquellen (arab. aā). Doch auch diese beinhalten zahlreiche konträre Auffassungen, sodass der Meinungsstreit nach wie vor anhält. 

Rezeption und Ausbreitung

Laut Behnam Said versuchte die islamistische Bewegung ab den 1970er Jahren an die überlieferte mohammedanische Tradition anzuknüpfen. Vor allem in Syrien und Ägypten entwickelte sich eine politisch-religiöse Protestkultur gegen die dort herrschenden Regime. Den Islamisten ging es auch darum eine Gegenbewegung zu dem von ihnen als anti-islamisch verstandenen Kultur- und Wertesystem zu formieren. Insbesondere in Massenmedien wie Fernsehen und Rundfunk sahen sie ein bedrohliches Potenzial für ihr konservativ-religiöses Weltbild.

Vor allem Geo- und Innenpolitik begünstigten die Aufwertung der Naschids als Mittel der Propaganda und der emotionalen Mobilisierung. Der sowjetische Einmarsch in Afghanistan 1979 und die Zeit der Intifadas in Palästina führten dazu, dass Naschids einen Aufstieg in der islamistischen Szene erlebten. Die repressiven Reaktionen der autoritären Regime im nahen Osten und in Nordafrika auf die zunehmende politisch-religiöse Emanzipierung der Bevölkerungsschichten, führte dazu, dass viele Naschid-Dichter ins Exil nach Saudi-Arabien auswanderten und auch dort für eine Verbreitung der religiösen Lieder sorgten.

Naschids als "kognitive Praxis" einer sozialen Bewegung

Welche Rolle Naschids innerhalb der islamistisch-jihadistischen Bewegung einnehmen, auch darüber diskutiert Behnam Said in seiner Dissertation. Im Bezug auf Salafismus und Jihadismus argumentiert er mit der Theorie der sozialen Bewegungen ("Social Movement Theory"). Beide Strömungen im engeren Sinne seien soziale Bewegungen, die netzwerkartig und informell strukturiert seien. Man könne sie als Subkultur innerhalb der islamistischen Kultur verstehen. Diese manifestiere sich "in gemeinsamer symbolischer Repräsentation durch ästhetische Erzeugnisse wie Schrift, Bild und Ton."

Dabei scheut Said auch nicht den Vergleich zu sozialen Bewegungen im Westen. So wiesen Studien zur amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre nach, dass Musik weniger Ausdrucksmittel von ideologischen Botschaften sei, sondern vielmehr emotionalisierende Wirkung entfalte. Auf der Ebene der Musik hätte die Bewegung versucht auf die "populäre Kultur" in den USA Einfluss auszuüben. Die eigene Musik repräsentiere demnach die gruppenspezifische Kultur. Diese wiederum diene gleichzeitig als "Mittel der kollektiven Identitätsstiftung", fungiere als Bindeglied zwischen den Gruppenmitgliedern sowie als Anknüpfungspunkt zwischen "der jeweiligen Bewegung und dem kognitiven Rahmen der Gesellschaft, in der die Bewegung agiert." Es gehe den Gruppen auch darum interpretative Schemata zu vermitteln, die eine bestimmte Deutung der Welt anbieten (Framing).

Naschids als Teil der kulturellen Dimension sind nach Meinung Saids Bestandteile der "kognitiven Praxis". "kognitiv" bedeute dabei sowohl "wahrheitstragend" als auch "wahrheitserzeugend". Es sei mithin durch Wissenschaftler, Journalisten und Sicherheitsbehörden belegt, dass die jihadistischen Hymnen einen großen emotionalen Faktor in der Propaganda darstellen würden. Auch seien sie dazu in der Lage Anziehungskräfte sowie die Mobilisierungsfähigkeit zu verstärken.

"Manche werden nur gehört weil sie emotional ansprechend sind"

Salafisten, die sich bekennen Naschids zu hören und die "Erasmus Monitor" zu dem Thema befragt hat, bestätigen zum Teil Saids Erkenntnisse. "Im Grunde funktionieren moderne Anasheed auch als Ersatz für normale populäre Musik, als "Ersatzdroge" gewissermaßen. So erklärt sich auch der starke elektronische Wandel in diesem Metier. HipHop, R'n'B und auch elektronische Musik haben den modernen Nasheed sichtlich beeinflusst", so ein langjähriger Szenegänger gegenüber dem Blog.

Bestimmte Naschids höre man demnach auch in bestimmten emotionalen Momenten. Im Fitness-Center, "wenn man die normale Musik nicht hören wollte." Beim Surfen im Internet oder in ausgelassener Runde mit "geneigten Gästen". "Die besonders martialischen Anasheeds hörte man auch zum Abreagieren." Insbesondere solche Naschids würden eine große Manipulationsgefahr ausüben. Die Emotionalität der Lieder könne vor allem "besonders junge und unstete Persönlichkeiten" emotional ansprechen und somit auch die Bereitschaft zum Jihad unter Umständen verstärken. 

Andere Salafisten widersprechen dieser Aussage. Zwar könnten die eigenen Emotionen beim Hören eines Naschids "hochkochen", doch könne man "niemals dadurch manipuliert" werden. Es gehe bei solchen Liedern vor allem um Spiritualität und Motivation, die nicht zwingend mit Jihad oder Militanz einhergehen müssten.

Behnam Saids Dissertation bietet in jedem Falle einen erhellenden Einblick in die Welt jihadistisch-salafistischer Dichtkunst und Musik. Sie sei sowohl für Forschende wie interessierte Leser zu empfehlen.

Hymnen des Jihads:Naschids im Kontext jihadistischer Mobilisierung; ISBN: 978-3-95650-125-8, 48 Euro.