Samstag, 26. März 2016

Das Geschäft mit dem Terror

 


Die Berichterstattung rund um die Brüssler Anschläge haben gezeigt, dass der Terror für Medien ein großes Geschäft ist. Opfer werden für Titelseiten missbraucht, Falschinformationen gestreut und Unschuldige als Terroristen gebrandmarkt. 

Echtzeitjournalismus

Es war ein denkwürdiges Schauspiel, dass nach den Brüssler Anschlägen vor allem in sozialen Netzwerken zu beobachten war. Kaum waren die Bomben im Zaventem-Flughafen explodiert, stürzten sich europäische Medien und selbsternannte Terrorexperten auf jede noch so ungeprüfte Information. Online-Redakteure durchforsteten Plattformen wie Twitter und Facebook, übernahmen Inhalte und teilten sie in den hastig hochgeladenen Livetickern der Nachrichtenseiten.

Wie brutal und gnadenlos das Geschäft mit dem Terror sein kann, das zeigten nicht nur die Anschläge vom vergangenen Dienstag. Auch nach der Attacke auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo und den Pariser Selbstmordattentaten im letzten Jahr, offenbarten die Medien, wie hemmungslos und unvorsichtig sie kursierende Informationen verwerteten.

Im Rahmen der Berichterstattung zu den Brüssler Anschlägen, konfrontierten eigentlich seriöse Nachrichtenagenturen, Zeitungen und Fernsehsender die Öffentlichkeit mit zahlreichen Falschmeldungen. Teilweise entstand der Eindruck, dass die Medien versuchten, den Ermittlungen der belgischen Behörden mit eigenen "Recherchen" vorwegzugreifen. Nach dem Motto: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. 

Dass erst wenige Stunden nach den Anschlägen vergangen waren, in denen Sanitäter und Bestatter noch damit beschäftigt waren, die Leichenteile in der Wartehalle des Flughafens und der Metrostation Maalbeek zu bergen, all das störte die Journalisten recht wenig.

"Livetickerwahnsinn, Twitter-Hysterie"

Es wurden Anschlagsorte erfunden, Opferbilder unretuschiert gezeigt, angebliche Videos der Anschläge veröffentlicht und Ermittlungserkenntnisse der Behörden verfälscht. "Terrorexperten" versuchten gleich das ganze "Terrorkomplott" zu erklären und sich für ihre "Terror-Warnungen" in der Vergangenheit zu profilieren. Dass die Wahrscheinlichkeit zuvor ohnehin sehr hoch war, dass es in Europa auch in Zukunft Anschläge geben würde, dazu brauchte man eigentlich keine Experten.

Die Ambivalenz von Sensationsjournalismus und kritischer Reflexion zeigte sich wie in der Vergangenheit erst in den folgenden Tagen nach den Brüssler Anschlägen. Es wurde vor übertriebener "Terrorangst" gewarnt, die Bevölkerung wurde dazu ermahnt, nicht paranoid zu reagieren. Es gelte "westliche Werte" und "unsere Art zu Leben" zu verteidigen. Dass die Medienberichterstattung rund um die Brüssler Anschläge einen großen Anteil an der Entstehung der Anschlagsparanoia hatten, das störte wohl nur Medienkritiker (BILDblog) sowie einige wenige Redakteure, die zum Teil ihre eigenen Arbeitgeber kritisierten.

"Nach jeder Katastrophe, nach jedem Terroranschlag das Gleiche: eindeutige Opferfotos, die nicht in die Öffentlichkeit gehören, Livetickerwahnsinn, Twitter-Hysterie, Infos, die nicht mehr als Gerüchte sind. Es knallt, und einige Medien scheinen komplett den Anstand zu verlieren, schmeißen Pressekodex und journalistische Ethik über Bord", schrieb Anne Fromm in einem Kommentar für die "Taz".

Nordrhein-Westfale fälschlicherweise als Terrorist gebrandmarkt

Und so kam es durch den Echtzeitjournalismus dazu, dass auch ein Deutscher in der letzten Woche zum Terroristen gebrandmarkt wurde. Sein Name ist Mohamed Belkaid, Bruder des berüchtigten Salafisten-Predigers Brahim Belkaid alias Abu Abdullah. Über die Tätigkeiten von Mohamed als Chef der salafistischen Hilfsorganisation "Medizin mit Herz" (ehemals "Medizin ohne Grenzen") hatte "Erasmus Monitor" in der Vergangenheit bereits mehrfach berichtet. Der Verein bot durch seine undurchsichtigen Machenschaften in Deutschland und Syrien Anlass für kritische Fragen.
Anfrage eines französischen Fernsehsenders

Doch als am 18. März ein Mann namens Mohamed Belkaid, der zum Netzwerk der Pariser Attentäter gehörte, in Brüssel von belgischen Spezialeinheiten erschossen wurde, erhielt "Erasmus Monitor" mehrere Anfragen von belgischen und französischen Nachrichtenagenturen. Sie hätten die Artikel zu Belkaid gelesen und wollten wissen, ob es sich bei dem Mann auf den Bildern um den Getöteten handle. Das Blog dementierte klar und deutlich. Wenig später widersprach auch ein Sprecher des NRW-Verfassungsschutzes den Vermutungen der Journalisten.

Als am Dienstag dann die Bomben in Brüssel hochgingen, geriet der Name Belkaid erneut in den Fokus der Medien. Trotz Dementi seitens des Blogs und des Verfassungsschutzes verwendeten Online-Redakteure mehrerer Medien aus Frankreich, Belgien und Deutschland ungeprüft Bilder des Deutsch-Algeriers. 

Der Druck auf die Redaktionen zügig mit Exklusivmaterial herauszukommen und sich somit einen größtmöglichen Anteil an der öffentlichen Aufmerksamkeit (Klicks und Quoten) zu sichern, führte zu dem kapitalen Fehler, dass sich der Deutsche Mohamed Belkaid als angeblich toter Terrorist unter anderem in einem Filmbeitrag von SpiegelTV wiedererkannte. Das Nachrichtenmagazin ruderte einen Tag darauf zurück und entschuldigte sich für die schlampige Fotorecherche. 

Belkaid selbst nahm am 24. März in einem Video zu den Recherchefehlern der Medien Stellung. "Ich habe mit den Sachen nichts zu tun. Das wollte ich noch einmal klarstellen, damit es endlich mal Ruhe gibt", sagte der sichtlich mitgenommene Deutsch-Algerier. Sein Handy klinge ständig, auch seine Familie erhielte ständig Anrufe. Wie Medien auf ihn gekommen seien, könne er nicht sagen. 

Die Antwort darauf dürfte wahrscheinlich "Google" sein. Über den Suchdienst fanden Journalisten schnell die Artikel von "Erasmus Monitor" zu Belkaid und seiner Hilfsorganisation. Dass darin weder etwas von Brüssel noch von Verbindungen zum IS zu lesen war, störte offenbar einige Rechercheure  nicht. Sie kopierten die Bilder von Belkaid und schrieben diese dem getöteten IS-Terroristen aus Brüssel zu.