Sonntag, 20. Dezember 2015

Familie im Jihad: Auf der anderen Seite

Getötete Cousins Badr und Ibrahim B.
Zwei Jihadisten aus Bonn sind in Syrien ums Leben gekommen. Das ergeben gemeinsame Recherchen von "Erasmus Monitor" und dem "Bonner General-Anzeiger". Ibrahim und Badr B. kämpften seit 2013 für mehrere Rebellengruppen. Sie waren nicht die einzigen aus der Familie, die sich dem Jihad angeschlossen hatten.

Ein Hinweis

Es war im Juli 2015, als ein anonymer Internetnutzer namens "Shuhadyya As Sumalyy" mit "Erasmus Monitor" Kontakt aufnahm. Er wollte sich über einen prominenten Jihadisten austauschen, der im Frühjahr dieses Jahres unter ominösen Umständen in Syrien ums Leben kam. Im Laufe der Konversation offenbarte der mutmaßliche Teenager seine Ambitionen zum Jihad. Er wolle sich einer militanten Gruppe in Syrien anschließen. Seine Mutter und seine Schwester sollten mit ihm gehen, so der Gesprächspartner. Dort sei sein Bruder bereits "vor kurzem" gefallen. 

Als Beweis schickte er einen Link zu einem Facebook-Profil eines "Ibrahim Wardawi". Auf dessen Profilbild waren zwei junge Männer zu sehen, die gemeinsam für ein Selfie posierten. Der eine breit grinsend, der andere mit ernster Miene. Wer von den beiden der besagte Bruder war und ob die Angaben überhaupt stimmten, konnte zum damaligen Zeitpunkt nicht geklärt werden.

Dann, im November dieses Jahres, veröffentlichte der sogenannte "Islamische Staat" (IS) eine neue Ausgabe des Dabiq-Magazins. Wie in jedem bisherigen Heft, wurde auch diesmal ausführlich gefallener Kämpfer gedacht. In der Regel handelt es sich nicht um hochrangige Kommandeure. Es sind vor allem Veteranen, charismatisch und mit Werdegängen, die sich besonders gut für die IS-Propaganda eignen.

So war es in der letzten Dabiq-Ausgabe wenig überraschend, dass der IS den deutschen Kämpfer "Abu Junaydah al-Almani" als Märtyrer vorstellte, getötet wohl im September durch einen US-Luftangriff bei Kämpfen um die nordsyrische Stadt Mare. Auffällig dabei: Bilder von "Abu Junaydah" zeigen den gleichen Mann wie auf dem Profilbild von "Ibrahim Wardawi".

Bonner Ibrahim B.
Der Deutsch-Marrokaner hatte noch im August auf Facebook vor "Erasmus Monitor" gewarnt. "Vorsicht liebe Geschwister, das ist ein V-Mann", behauptete er. Zuvor hatte das Blog mithilfe eines Fake-Accounts versucht, der Todesnachricht des Hinweisgebers über einen gut vernetzten "Sozialarbeiter" für inhaftierte Jihadisten nachzugehen. Man flog jedoch schnell auf.

Für Aufklärung sorgte wenig später ausgerechnet die IS-Propaganda selbst. Neben "Abu Junaydah" berichtete das Dabiq-Magazin auch über einen im Jahr 2014 getöteten "Abu Hafs al-Almani". Auch er wird in dem Artikel auf einem Foto präsentiert. Es ist der gleiche Mann, der neben "Ibrahim Wardawi" posierte.

Familie im Jihad

Wie "Erasmus Monitor" aus Sicherheitskreisen erfuhr, handelt es sich bei den beiden um die Bonner Cousins Ibrahim (Abu Junaydah) und Badr B. (Abu Hafs). Ibrahim reiste gemeinsam mit seiner Ehefrau bereits Anfang 2013 nach Syrien aus. Dort schloss er sich zunächst der tschetschenischen Extremistengruppe "Junud ash-Sham" an, die unter ihrem Kommandeur Murad Margoshvili alias "Muslim Shishani" hauptsächlich in der syrischen Provinz Lattakia operierte. In dem waldreichen Hochland hatten sich viele Mitglieder des 2012 verbotenen Vereins "Millatu Ibrahim" niedergelassen, darunter auch das "Aushängeschild" der deutschen Jihadisten, Denis Cuspert.

"Sham Center": Fared Saal
Ibrahim gehörte nach Informationen des Blogs zum deutschen Medienteam des mittlerweile eingestellten Propagandakanals "Sham Center". Gemeinsam mit Ausgereisten wie Mehmet C. und Fatih K. produzierte B. Videos, Bilder und Jihad-Pamphlete. Mal filmte er mit der Kamera, schnitt am Computer Videos oder fungierte als Synchronsprecher.

Sein junger Cousin Badr reiste Monate darauf mutmaßlich gemeinsam mit dem ebenfalls aus Bonn stammenden Fared Saal  nach Syrien und schloss sich der selben Rebellengruppe an. Saal erlangte dieses Jahr traurige Berühmtheit, als er gemeinsam mit Denis Cuspert die Leichen getöteter Soldaten der syrischen Armee schändete. Die Generalbundesanwaltschaft stuft die beiden als Kriegsverbrecher ein.

Im Laufe des Jahres 2013 spitzten sich die ideologischen und militärischen Auseinandersetzungen zwischen islamistischen Gruppen und "gemäßigteren" Rebellen in Syrien zu. Innerhalb der deutschen Brigaden kam es zu zahlreichen Desertierungen. Ibrahim soll sich laut "Dabiq"-Magazin zunächst der al-Qaida-Gruppe "Jabhat al-Nusra" angeschlossen haben. Dort habe er der Medienabteilung angehört.

Badr B.
Sein Cousin Badr und Fared Saal liefen direkt zum mächtigen ISIS über. Beide wurden bei Kämpfen in der nordsyrischen Millionenstadt Aleppo von syrischen Rebellen gefangen genommen. Nach ihrer Freilassung im Frühjahr 2014, lotsten sie Ibrahim nach Nordsyrien, um sich der von Amr al-Absi angeführten ISIS-Gruppe "Majlis Shura al-Mujahideen" anzuschließen. Denn im Aleppiner Vorort Kafr Hamrah, dem Herrschaftsgebiet al-Absis, sollen sich die Cousins einquartiert und schließlich an den Kämpfen gegen syrische Rebellen beteiligt haben.

Wahrscheinlich trafen sie dort auch auf die "Lohberger Brigade" aus Dinslaken. Laut "Dabiq" beteiligten sich Badr und Ibrahim wie sie an den Kämpfen in Azaz und al-Bab. Von dort aus reisten sie in die inoffizielle IS-Hauptstadt Raqqa. Ibrahim gehörte dort mit seiner Erfahrung in Medienproduktionen auch weiterhin zum Propagandaapparat, kämpfte aber zwischenzeitlich wie Cousin Badr an unterschiedlichen Fronten im Osten und Norden Syriens.

Im Sommer 2014 starb zunächst Badr B. bei einem Überfall syrischer Rebellen. Ibrahim setzte daraufhin alles daran, weitere Familienmitglieder nach Syrien zu locken. Und das mit Erfolg. Nach Informationen des Blogs und des "Bonner General-Anzeigers" verschwand Ibrahims Schwester Ende letzten Jahren spurlos aus Bonn. Die damals 16-Jährige blieb der Schule fern und reiste laut "Dabiq" erfolgreich nach Syrien aus. Nicht auszuschließen ist, dass noch weiteren Familienmitgliedern in diesem Jahr die Ausreise gelang. Diesen Verdacht nährt zumindest das Gespräch von "Erasmus Monitor" mit dem Hinweisgeber im Juli 2015. Sicherheitskreise wollten sich dazu nicht näher äußern.

Frühe Radikalisierung

Die Familien der ausgereisten Verwandten gelten als islamisch konservativ mit einzelnen Verbindungen zum salafistischen Milieu in Bonn und der Schweiz.  Doch Ibrahim B. fiel in seiner Jugendzeit nie als radikaler Islamist auf. Mitschüler von ihm, mit denen er bis 2009 auf die Berufsschule ging, beschreiben ihn als humorvoll und lebensbejahend.

Das zeigt auch ein Video zu seinem Schulabschluss, das er für seine Klasse zusammenbastelte. Untertitel wie "Der lang erwartete Film", "Von den Machern "Findet Nemo"" oder "Eine unvergessliche Zeit" offenbaren, dass er sich weder isolierte noch gegenüber Mitschülern und Lehrern ablehnend verhielt. Nach der Schule soll er sich zudem am Rhein-Ahr-Campus in Remagen eingeschrieben haben. Auch ist bekannt, dass Ibrahim früh heiratete.

Bis 2010 trainierte er regelmäßig in einem Bonner Boxclub. Er galt als talentiert. Sein früherer Boxlehrer, der sich noch gut an B. erinnern kann, sagt: „Er war fleißig im Training, fair im Sparring und ein guter Boxer. Er war ein hilfsbereiter und zuvorkommender Junge, der keinerlei radikale Ansichten äußerte.“ Irgendwann sei er dann einfach nicht mehr zum Training gekommen.

Zu diesem Zeitpunkt muss Ibrahim mit der Salafisten-Szene in engeren Kontakt gekommen sein. Im Mai 2012 fiel er Sicherheitsbehörden bei den gewalttätigen Anti-Karikaturen-Protesten in Lannesdorf auf. Monate später verschwand er.