Montag, 9. November 2015

Jihad im Internet


Sie kommen aus Frankfurt, Jakarta oder Miami: Cyberjihadisten. Im Schutz der eigenen vier Wände, verbreiten sie Propaganda für den "Islamischen Staat" (IS). Manche von ihnen steigen zu richtigen Berühmtheiten in der Jihad-Szene auf. Viele andere entpuppen sich jedoch als gelangweilte Einzelgänger. Doch sie sind es aber, um die sich Sicherheitsbehörden zunehmend Sorgen machen. Hilfe bekommen sie von einem ihrer größten Gegner: den Hackern von "Anonymous".

Der Teenie-Propagandist

Sein Name ist Muhammed Salafi al-Gharib al-Muwahid und er ist ein Jihadist. Das suggeriert zumindest sein Auftreten in sozialen Netzwerken. Sein Profilbild zeigt einen jungen Mann mit braunen Augen und energischem Blick in Richtung Kamera. Seine Kleidung ist schwarz: die Schuhe, die Hose, der Pullover, der Turban auf dem Kopf und das Tuch, dass sein Gesicht bis zur Nasenwurzel verbirgt.

Seit Juni hat er auf Twitter einen Account angemeldet, auf dem er bis August regelmäßig Propaganda für den IS verbreitete. Als seinen Wohnort gab er dort die irakische IS-Hochburg Mossul an. In dieser Zeit lasen nahezu 400 Accounts seine Tweets. Viele dachten wohl, es handle sich bei Muhammed um einen hartgesottenen Jihadisten. Jemand, der aufgrund seiner Hijra die Authorität besaß, für den IS zu sprechen. Dabei erkannten die erfahrenen Leute wohl schnell, dass der junge Mann kein Veteran war.

Muhammeds Veröffentlichungen variierten zwischen szene-typischen Floskeln, unreifen Äußerungen und plumper IS-Propaganda. Mehrere Nasheeds (Kampflieder) will er aufgenommen haben. Darunter: "Das Klirren der Schwerter". Es sei ein "Geschenk für al-Hayat", kündigte der Teenie stolz auf Twitter an. Al-Hayat gehört zu den offiziellen Propagandakanälen des IS. 

In einem anderen Beitrag schrieb Muhammed den "Brüdern und Schwestern" begeistert, er habe eine Prinzessin gefunden, die fromm sei und den IS liebe. Die Geschwister sollten für sie beten, damit die beiden zusammen kämen. Und auch zu politischen Ereignissen nahm er Stellung: Über den Anschlag von Seifeddine Yacoubi in Tunesien twitterte er belustigt: "Als ich von dem Anschlag in Tunesien hörte, kam mir diese Melodie in den Kopf: Saleelus Sawarim". Es ist der Titel eines der bekanntesten Nasheeds des IS.

Paradigmenwechsel in der jihadistischen Medienarbeit

Das Internet ist für Terrornetzwerke wie des IS und al-Qaida eine wichtige Agitations- und Propagandaplattform. In Echtzeit lassen sich über soziale Netzwerke Botschaften und Nachrichten global verbreiten. Vor allem der syrische Bürgerkrieg markiert einen Paradigmenwechsel der jihadistischen Medienarbeit: Waren bei der alten Garde von al-Qaida verwackelte Videos und verschwommene Bilder das Maß aller Dinge, weiß die neue Generation von Jihadisten die technischen Fortschritte clever und vielseitig zu nutzen. 

Kinoqualität: Screenshot aus einem Propagandavideo des IS
Videos, Bilder und religiöse Pamphlete werden über die neuen Massenmedien wie Twitter, Facebook und Instagram verbreitet. Die Qualität der Propaganda ist anspruchsvoll und kann mit Hochglanz-Magazinen und Hollywood-Streifen durchaus mithalten.

Vor allem dem IS ist es gelungen, ein bisher einmalig professionelles System der Manipulation und des Agenda-Settings aufzubauen. Den Rekrutierungsstrategen der Organisation ist schnell klar geworden, dass ihre Zielgruppen mit der westlich-kapitalistischen Konsumgesellschaft bestens vertraut sind.

Ihre Medienabteilungen sind deswegen überwiegend mit jungen, Internet-affinen Menschen besetzt, die genau wissen, welche Ansprüche und Erwartungen ihre Altersgenossen an ein Leben im Jihad stellen. Dass die Realität oft stark von den Inszenierungen der Terrornetzwerke abweicht, merken Verführte häufig erst dann, wenn sie in den Kriegsgebieten angekommen sind.

Die Komplexitätsreduktionisten

Doch nicht nur in Syrien und Irak sitzen die Propagandisten und Rekrutierer der Jihadisten. Wie Muhammed agitieren viele von ihnen auch von Europa, Asien und Nordamerika aus, ohne sich selbst dem Jihad tatsächlich angeschlossen zu haben. Wer sich hinter ihren Profilen genau versteckt, ist in der Regel nicht zu durchschauen. Die meisten können aber der jihadistisch orientierten Salafisten-Szene zugeordnet werden. Doch auch einzelne Symphatisanten sowie zahlreiche Fake-Accounts von Privatpersonen ohne Bezug zum Milieu lassen sich finden. Was allen im Grunde gemein ist: Sie suchen nach Aufmerksamkeit.

Da schwingen sich Halbwüchsige zu Koran-Experten auf und veröffentlichen eigene "Fatwas", kopieren dafür Hadithen und Jihad-Literatur zusammen. Damit meinen sie jahrzehntelang akademisch ausgebildete Prediger herausfordern zu können. Die stehen in der Regel dieser immer stärker werdenden Bewegung der Komplexitätsreduktionisten fassungs- und hilflos gegenüber. Selbst salafistische Prediger wie Pierre Vogel oder Adhim Kamouss haben diese immer gefährlicher werdende Entwicklung erkannt. Denn sie bedeutet auch für sie den Verlust an Authorität und Einfluss auf die Jugend.
Posierender Cyberjihadist aus Berlin: Bereit für den Jihad?

Bei vielen dieser Internettrolle kann eine Art Sozialisation jihadistischer Lebens- und Verhaltensformen beobachtet werden. Ohne überhaupt in die Kriegsländer reisen zu müssen, fühlen sie sich dennoch als ein Teil der Gemeinschaft. Oft nutzen sie Profilbilder von Galionsfiguren der Jihad-Szene oder "Märtyrern" wie Osama Bin Laden und Anwar al-Awlaki. Aber auch Selfies sind beliebt, bei denen junge Männer und Frauen zu sehen sind, militant gekleidet, die Gesichter in der Regel verhüllt unter Turban oder Niqab.

Bilder von Waffen, Explosionen und Militärparaden sollen die Verkleidung als Jihadist perfekt machen. Einige gründen sogar eigene Propagandakanäle und produzieren mehr oder weniger aufwendige Bild- und Videomontagen. Sprachlich docken die Internet-Krieger am medialen Output des IS an. Militärische Siege über die "Rafidah", "Murtadeen" und die "Kuffar" werden ausgelassen gefeiert, im Kampf Gefallene werden wie Freunde mit Gedichten und Liedern verabschiedet.

Aufruf zur Gewalt

Ernster wird es dagegen, wenn diese Cyberjihadisten im Namen des IS oder al-Qaida zu Gewalt oder gar Anschlägen im Westen aufrufen. Denn für Sicherheitsbehörden und Beobachter ist häufig nicht ersichtlich, ob diese Drohungen auch tatsächlich Substanz haben, oder doch nur den üblen Launen frustrierter junger Leute geschuldet sind. Da kann es dann schon mal passieren, dass Mediendienstleister wie "SITE Intelligence Group" zu peinlichen Fehlanalysen kommen.

Vermeintlicher Jihadist: Joshua R.G.
Passiert ist das zum Beispiel bei dem Cyberjihadisten Joshua R. G., einem 20-Jährigen Amerikaner jüdischen Glaubens, Highschool-Absolvent, Eltern gehobener Mittelstand. Von seinem Kinderzimmer aus hatte Joshua auf Twitter unter dem Decknamen "Australi Witness" längere Zeit üble Propaganda für den IS betrieben.

Sein Name war clever ausgewählt, denn er erinnerte viele IS-Anhänger an den Twitter-Account "Shami Witness", später enttarnt als der indische Geschäftsmann Mehdi M. B., der mit seinen Hasstiraden zu einer Art Superstar in der Jihad-Szene aufgestiegen war.

Joshua, der an Depressionen litt, wollte ähnliches erreichen. Mit der Zelebrierung von Selbstmordattentätern und Aufrufen zu Anschlägen in Australien und den USA, zog er die weltweite Aufmerksamkeit auf sich. Dies ging so weit, dass Rita Katz, Direktorin von "SITE Intelligence Group" und zudem Beraterin der US-Regierung, sich zur Aussage verstieg, dass "Shami Australia" zur Kerngruppe hochgefährlicher Extremisten gehören würde, der für potenzielle Attentäter Anschlagsziele ausspähte. "He has a prestige position in online jihadi circles", so ihre steile These. Das FBI fand schnell heraus, dass Joshua keinesfalls das war, wofür ihn so viele Beobachter gehalten hatten.

"Wir haben die Sache nun selbst in die Hand genommen"

Die Ungewissheit, die Cyberjihadisten verkörpern, überfordert zunehmend die Sicherheitsbehörden. Die Frage danach, wer von den hunderten Cyberkriegern in den Jihad ziehen oder sogar zu Anschlägen fähig sein könnte und wer nur Wichtigtuer ist, bereitet ihnen Kopfzerbrechen. Denn BKA oder Verfassungsschutz verfügen weder über die personellen Kapazitäten, noch die rechtliche Handhabe, gegen jeden vorzugehen, der über soziale Netzwerke Propaganda verbreitet. Nur bei konkreten Anhaltspunkten, reagieren Ermittler, indem sie IP- und Heimatadressen auslesen lassen.

"OPIsis"
Hilfe bekommen Behörden ausgerechnet von Leuten, die häufig selbst wegen ihren Internetaktivitäten ins Fadenkreuz der Polizei geraten. Es sind die Hacker von "Anonymous". Ende 2014 rief die Gruppe den Cyberwar gegen das riesige Propagandanetzwerk des IS aus. Ihre Operationen nennen sie "BinarySec" und "OPIsis". Neben DDoS-Attacken auf Internetseiten und Blockaden von Accounts, versuchen sie auch, anonyme Cyberjihadisten zu enttarnen.

"Erasmus Monitor" gelang es über Umwege mit der Gruppe ins Gespräch zu kommen. Es ist eine Frau, eine "Anonymiss", wie sie sich nennt, die Auskunft gibt. Es sei wahr, so die Hackerin, dass sie und ihre Mitstreiter von ihren eigenen Regierungen als Terroristen gebrandmarkt würden. Dabei seien diese selbst nicht im Stande gegen die Propaganda des IS effektiv vorzugehen. "Wir haben die Sache nun selbst in die Hand genommen", schreibt sie.

Die Hacker sind der festen Überzeugung mit ihrer Arbeit potenzielle Attentäter aufzudecken. "Viele, die wir entdeckt haben, würden wir als "Fanboys" bezeichnen. Es sind junge Erwachsene oder Teenagers, weit weg vom mittleren Osten. Sie romantisieren die Hijra und den Jihad." Doch sie fügt hinzu: Man habe auch erschreckenderweise viele "einsame Wölfe" entdeckt. Einzelgänger also, die ohne Anweisungen der Organisationen, auf die sie sich berufen, Anschläge verüben könnten. Ob es durch die Arbeit von "OPIsis" bereits Festnahmen gegeben hat, kann die Hackerin jedoch nicht sagen. "Die Mühlen der Justiz mahlen langsam", so ihre Erklärung.

Die Behörden hätten aber mittlerweile erkannt, wie wichtig die Aktivitäten von "Anonymous" seien, versichert die junge Frau. Man stehe derzeit sogar in Verhandlungen mit den US-Behörden, um gegen Austausch von Informationen in bestimmten Fällen strafrechtliche Immunität zu erhalten.

"Ich wünsch dir einen geilen Abend"

Ihre Arbeitsmethoden wollen die Hacker uns nicht offenbaren. "Wir nennen es Social Engineering", berichtet die Aktivistin gegenüber "Erasmus Monitor". Vermutlich nutzen die "Anonymous"-Aktivisten die Naivität der jungen Cyberjihadisten aus, indem sie diese mittels Fake-Accounts in Gespräche verwickeln. Haben die Hacker das Vertrauen der Leute gewonnen, schnappt die Falle zu. Links werden in die Chats eingestreut. Klicken die Betroffenen darauf, werden automatisch IP-Adressen und Wohnorte ausgelesen.
Account eines Cyberjihadisten aus Stuttgart

Über 160 Internettrolle will "Anonymous" dadurch bisher enttarnt haben. Darunter sollen viele Briten sein, aber auch etwa zwei Dutzend Deutsche, deren ausgespähte Daten "Erasmus Monitor" vorliegen. Sie kommen aus größeren Städten wie Stuttgart, Berlin, Hamburg, München oder Herten. Auch Muhammed ist einer dieser Pechvögel.

Als er Ende August enttarnt wird, reagiert er cool. Er sei stolz darauf, was er tue und brauche sich nicht zu verstecken, ließ er seine entgeisterten Follower wissen. Die jugendliche Naivität hatte ihn auch noch dazu verleiten lassen, den Hackern ein Bild von sich zu schicken. "BinarySec" veröffentlichte es auf Twitter. "Bist du das Akhi?", fragte ein Nutzer den aus Nordrhein-Westfalen stammenden Teenager. "Lösch deinen Account bitte. Tu dir den Gefallen", forderte ein anderer ihn auf.

Als "Erasmus Monitor" Muhammed kontaktiert, reagiert der ganz gelassen. Was er denn dazu sage, dass er als Internettroll enttarnt worden sei, fragt das Blog ihn. "Lol, ich fühl' mich geehrt", so seine Antwort. Auf ein vertieftes Gespräch will er sich aber nicht einlassen. Sätze wie "Sry, Digga, muss off gehen", "hau rein ^_^" und "Ich wünsch dir einen geilen Abend" offenbaren aber deutlich: hier war ein Amateur am Werk. Wie in den meisten Fällen. 

Doch man sollte den Cyberjihad als potenzielles Instrument der Eigenradikalisierung nach wie vor im Auge behalten.