Freitag, 14. August 2015

Yamin Abou-Zand und der große Streit

Vergangene Woche berichtete "Erasmus Monitor" über ein Propagandavideo, in dem deutsche Djihadisten zwei syrische Männer exekutierten. Der eine war der Österreicher Mohamed Mahmoud alias Abu Usama al-Gharib. Der Andere, ein Deutscher mit dem Namen "Abu Umar al-Almani", soll nach einem Bericht der "Welt" Yamin Abou-Zand (28) aus Bonn sein.

"Freuen uns auf ihre Bewerbung"

Journalisten wie Sicherheitsbehörden versuchten in den vergangenen Tagen fieberhaft herauszubekommen, wer der Mann namens "Abu Umar al-Almani" war, der vor laufender Kamera zusammen mit Mohamed Mahmoud zwei syrische Geiseln hinterrücks erschoss.

Fachabteilungen von Verfassungsschutz, BKA und BND werteten Bildmaterial aus. Ihnen half dabei, dass Yamin Abou-Zand durch seinen ehemaligen Arbeitgeber, die deutsche Telekom, bereits vor einem Jahr bei den Sicherheitsbehörden als "auffälliger" Mitarbeiter gemeldet wurde. Bei dem Kommunikationsunternehmen hatte er eine Ausbildung begonnen und in der Abteilung Recruiting & Talent-Acquisition gearbeitet. Im Internet kursiert sogar noch eine von Abou-Zand erstellte Stellenausschreibung für Praktikanten.

Abou-Zand habe mit dem IS offen sympathisiert und dies Arbeitskollegen unverblümt mitgeteilt, so die Telekom gegenüber "Welt". Später kündigte der 28-Jährige seinen Ausbildungsvertrag und reiste erst vor einigen Monaten über die Türkei nach Syrien aus.
Screenshot: Anzeige der deutschen Telekom
"Habe mich die ganze Zeit gefragt, wo dieser Bruder ist"

Nach Informationen von "Erasmus Monitor" half bei der Eingrenzung des Suchraums nach
Abou-Zand unfreiwillig auch ein Bonner Prediger. Izzuddin Jakupovic alias Abu Sufijaan wird schon seit Jahren von den Sicherheitsbehörden überwacht. In seinen Predigten setzte er stets auf eine klare Abgrenzung zwischen Muslimen und den "Kuffar" und kokettierte offen mit den djihadistischen Terrorgruppen in Syrien.

Im vergangenen Jahr durchsuchten Ermittler des BKA die Wohnung von Jakupovic. Die Behörde warf ihm vor, zusammen mit fünf weiteren Islamisten 2013 ausrangierte Krankenwagen nach Syrien gebracht und der Terrorgruppe Jaish al-Muhajireen wal-Ansar übergeben zu haben. Später schlossen sich die meisten Kämpfer der Gruppe dem  "Islamischen Staat" (IS) an.

Umso erstaunlicher war es daher, als sich vergangene Woche Jakupovic und der Österreicher Mohamed Mahmoud  ein heftiges Wortgefecht auf "Twitter" lieferten. Jakupovic kannte offenbar Yamin Abou-Zand. "Habe mich die ganze Zeit gefragt, wo dieser Bruder ist, der neben Abu Usama ist und siehe da: beim IS", verriet der Prediger im Gespräch mit Mahmoud.

Das Chatprotokoll liegt "Erasmus Monitor" vor, auch wenn Mahmoud und Jakupovic ihre Nachrichten umgehend wieder löschten. Letzterer war wegen Abou-Zands Mordtat offenbar derart in Rage geraten, dass er Mahmoud offen attackierte und sogar in Kauf nahm, dass Beobachter die darin besprochenen Themen mitlesen konnten.

"Izzuddin"/Mahmoud
Direkter Auslöser des Streits waren abfällige Bemerkungen von Mohamed Mahmoud gegen einen arabischen Prediger. Als "Betrüger" bezeichnete er ihn. Jakupovic schaltete sich daraufhin ein. Mahmoud sei für ihn ein "Häretiker" und zudem "arrogant", der sich über die Gelehrten stellen und diese "verhöhnen" würde. "Wir haben diese Welt verlassen, um nicht in das Fegefeuers Allahs zu kommen", entgegnete Mahmoud dem Bonner. 

Daraufhin wurde es persönlich.

"Warum hast du Angst?"

Jakupovic hielt dem anderen vor: "Bei Allah, du vergisst das gute, was jemand für dich getan hat mit Abu Ziad und die Schuhe, die ich dir besorgte". Gemeint war die Zeit zwischen Ende 2013 und August 2014, als Mahmoud in der Türkei im Gefängnis saß, bevor er in Rahmen eines Deals zwischen dem IS und der türkischen Regierung freigelassen wurde.

Mahmoud widersprach Jakupovic: "Erstens bei Allah: du hast mir keine Schuhe besorgt. Die Schuhe waren für einen verletzten uygurischen Bruder." Es sei Abu Ziad gewesen, der die "Sachen" besorgt hätte und nicht Jakupovic. "Selbst wenn du diese Sachen besorgt hast, so habe ich dich niemals darum gebeten." Der Bonner habe "Abu Ziad" lediglich an einem Tag ins Gefängnis begleitet, wo Mahmoud und "über 20 Brüder" von draußen versorgt wurden. 

Im Laufe des Gesprächs hatte Jakupovic zunehmend Bedenken, dass die Öffentlichkeit zu viele Details aufschnappen konnte und bremste Mahmoud. "Jetzt wirst du detailliert und das ist nicht gut." Sein Kontrahent hatte damit aber kein Problem.
"Warum hast du Angst vom VS (Verfassungsschutz)??? achja ich vergaß, du lebst ja unter der Erniedrigung der Kreuzzügler [...]. Unter den Kuffar leben, an sie Steuern zahlen, vor ihnen Angst haben und dann über die Mujahidin reden. Wallahi, ich sinke nicht auf dein Niveau und weiß, dass die Kuffar hier mitlesen, sonst würde ich den Leuten erzählen, was du für ein Held bist und was du getan hast, Wallahi, keiner würde mehr von dir nehmen [...]". 
Jakupovic: "Ich rate dir vor deinem Tod Buße zu tun für die Ermordung unschuldiger Muslime".

Am Ende blockten sich beide gegenseitig auf Twitter. 

Der Streit zeigt die zunehmende Entfremdung zwischen IS-Anhängern und den führenden Predigern der deutschen Islamistenszene. Galten noch vor einem Dreivierteljahr alle Djihadisten als Mujahideen, die den Sunniten in Syrien gegen Assad zur Hilfe eilten, spaltet sich nun die militante Salafistenszene in Anhänger von Al-Qaeda (Jabhat al Nusra u.a.) und IS auf.

Insbesondere auf die Veröffentlichung von Mahmouds und Abou-Zands Mordvideo in der vergangenen Woche reagierten selbst hartgesottene Islamisten mit Abscheu. Al-Qaeda-Sympathisant Bernhard Falk nannte Mahmoud einen "Psychopathen". Der Allgäuer und ehemalige IS-Unterstützer Erhan A. bereute, den "Typen" früher "gefeiert" zu haben. "Jetzt ist er so am Ende mit seinem Leben".