Dienstag, 28. Juli 2015

Wege in den Djihad: "Uff, was mach' ich jetzt?"


Ein 13-jähriger Junge aus München türmt mit einer Verwandten aus Deutschland, um sich den Terroristen des IS in Syrien anzuschließen. Deutsche Sicherheitsbehörden suchen die beiden. Allein kommt das Kind schließlich in der Türkei an. Kurz vor der Einreise nach Syrien gelingt es den Fahndern den Jungen aufzuspüren und zu fassen. "Erasmus Monitor" erhielt Einblick in die Ermittlungen.


Ankunft in Gaziantep

Es ist ein sonniger Freitagmorgen am 24. Juli, als ein Reisebus aus Istanbul die südtürkische Stadt Gaziantep erreicht. Am "Otobüs Terminal", dem großen Busbahnhof im Stadtzentrum, hält der Bus an. Die Türen schwingen auf und die Passagiere - die meisten von ihnen Arbeiter und Händler -, strömen heraus. Unter ihnen ist auch Erkan (Name geändert)*, ein 13-Jähriger aus München, der für sein Alter schon ungewöhnlich groß ist und so manchen Erwachsenen bereits in den Schatten stellt.

Er schaut sich um und holt sein Handy heraus. Er wählt eine Nummer eines Mannes, der versprochen hat, ihn abzuholen. Doch der hat Erkan offenbar versetzt, geht nicht ans Telefon. Ob das mit den Massenverhaftungen zu tun hat, die die türkische Polizei in den letzten Tagen durchgeführt hat? Vor allem in Gaziantep stiegen in der Vergangenheit hunderte Djihadisten des IS und Al-Qaeda ab, bevor sie nach Syrien gingen.

Erkan könnte wieder umkehren und nach Deutschland zurückfahren. Doch dafür hat er kein Geld mehr. Und er will auch nicht in das Jugendheim nach Dachau zurück, wohin ihn seine alleinerziehende Mutter gebracht hat, weil sie gegenüber dem radikalisierten Sohn keinen anderen Ausweg mehr fand. Die vielen religiösen und ideologischen Konflikte rissen bei beiden tiefe seelische Wunden.

Doch um so mehr weiß Erkan wohl, welchen Schmerz er seiner Mutter mit seinem Verschwinden zugefügt hat. Sie, das Jugendheim und die Polizei suchen nach ihm. Er steht endlich wieder einmal im Mittelpunkt. In München stahl er einem Deutsch-Türken den Ausweis. Als "Ali" konnte er am 20. Juli unbemerkt in den Zug steigen und gemeinsam mit seiner Verwandten durch ganz Europa fahren. Nun fürchtet Erkan dafür ins Gefängnis zu kommen, auch wenn er mit seinem Alter noch unter die gesetzliche Strafmündigkeit fällt. "Ich werde bald 14", prägt er sich zwanghaft ein.

Doch hier in Gaziantep ist er nur auf dem Papier ein Türke, die Sprache beherrscht er nicht. Am Busbahnhof läuft er unsicher umher und hat nichts weiteres bei sich als eine Wasserflasche und 20 Lira in seiner roten Bauchtasche. Sein Ziel bleibt Syrien, wo er sich dem IS anschließen möchte. In der Provinzhauptstadt Raqqa soll ein Mann auf ihn warten, der zukünftige Ehemann seiner Verwandten. Doch für die ist bei der gemeinsamen Reise bereits an der türkischen Grenze Schluss gewesen. Die Behörden verweigerten ihr das Visum. Erkan fuhr daraufhin alleine weiter nach Istanbul und Gaziantep.

Letzter Ausweg Internet

"Alles oder Nichts", so könnte Erkan gedacht haben, als er am vergangenen Freitag am besagten Terminal steht. Er geht in die große Halle des Busbahnhofs und sucht nach einem Internetcafe. In der Mitte des Gebäudes schwebt eine riesige Flagge des türkischen Halbmonds. Am Stand "Antep fistigi", einem Laden für Pistazien, sieht er mehrere Computer stehen. Er setzt sich an einen davon und loggt sich bei Facebook ein.

In der wachsenden Verzweiflung schreibt der im Stich gelassene wahllos Leute an, die er irgendwie mit Djihad in Verbindung bringt und in Syrien oder im Irak vermutet. Was Erkan in seiner jugendlichen Naivität nicht weis ist, dass Sicherheitsbehörden und Beobachter die Szene längst mittels Fake-Accounts infiltriert haben und überwachen. Bei unerfahrenen Djihad-Anhängern reichen  bereits gängige Propagandabilder, Parolen und arabische Szene-Floskeln mitunter aus, um zum Kreise der "wahren Muslime" dazu zugehören.

An einen dieser Fake-Accounts gerät auch Erkan. Ermittlerkreise des BKA sprechen von "ungeheurem Glück". Zwar hatten sie den 13-Jährigen via IP-Ortung bereits mehrfach in der Türkei lokalisieren können, doch wo genau sich der Münchner aufhielt, blieb ihnen bislang unbekannt.

Ohne Scheu fragt Erkan seine Chat-Partner, ob sie in "Dawla Islamiya" (Islamischer Staat) seien. Er brauche jemanden, der ihn in Gaziantep abholen und nach Syrien bringen könne. Unklar bleibt, wie viele Leute Erkan anschreibt und wer ihm auf seine direkten Fragen tatsächlich auch antwortet. Mindestens einer der Angeschriebenen erbarmt sich aber Erkans. Es ist ein Recherche-Account von "Erasmus Monitor". Nach einigen ausgetauschten Zeilen wird schnell klar, dass der Junge kein Wichtigtuer oder Lügner ist. Das Alter von Erkan veranlasst "Erasmus Monitor" dazu, sofort zu reagieren.

München/Mai 2015: Erkan (links) neben dem Prediger Ibrahim Abou Nagie
Anrufe beim Auswärtigen Amt und dem Verfassungsschutz werden getätigt. Das BKA reagiert schnell und richtet einen Krisenstab ein. "Es handelt sich mitnichten um einen Internet-Troll. Der Junge ist uns bekannt", so die Ermittler. Erkan sei bereits Anfang letzter Woche aus Deutschland ausgereist.

Verbindungsbeamte in Istanbul werden nun über eine Live-Schaltung hinzugezogen, die wiederum die türkische Polizei instruieren sollen. Mit einer riskanten Chat-Strategie versuchen die Fahnder in Zusammenarbeit mit "Erasmus Monitor" Erkan am Computer zu binden, bis türkische Beamten vor Ort eintreffen. Jedem Beteiligten ist klar: Wenn der Plan scheitert, wäre dies eine Katastrophe.

Schon einmal reiste ein 15-jähriger Frankfurter erfolgreich nach Syrien aus, um nur wenige Wochen darauf bei Kämpfen mit der syrischen Armee qualvoll zu sterben. Islamisten feierten den Jugendlichen daraufhin als "Märtyrer". Unter deutschen Salafisten wie auch unter Djihadisten herrscht jedoch große Uneinigkeit bezüglich so junger Rekruten. "Ich lehne es auf jeden Fall ab, dass Kinder in den Djihad reisen sollten", so ein al-Qaeda-Mitglied aus Idlib. "Sie müssen geistig reif genug sein, um sich über die Konsequenzen ihres Handelns auch klar zu sein. Das können sie aber oft nicht leisten." IS-Anhänger verwenden sogar Säuglinge und Heranwachsende in ihrer Propaganda und stellen sie als heldenhafte Kämpfer dar. Zahlreiche Fälle sind bekannt, in denen die skrupellosen Terroristen Kinder als Selbstmordattentäter in den Tod schickten.

Umso unvorstellbarer ist es an jenem Freitag, dass die Behörden die Ausreise des 13-jährigen Erkan nicht verhindern könnten. Bei Kindern hört der "Spaß" für Ermittler wie Beobachter auf. Darin sind sich alle Beteiligten einig, auch "Erasmus Monitor".

Stunden des Bangens

Erkan werden über Facebook Fragen gestellt, er wird beruhigt und es werden ihm Versprechungen gemacht. Schleuser würden bald vorbei kommen, um ihn abzuholen und nach Syrien zu bringen. Erkan ist dankbar für die Hilfe und stellt nur wenige Fragen. Er lässt sich lieber führen. Antworten wie "Uff", "Puhh" oder "Hmm" offenbaren, wie unsicher der Junge eigentlich ist und dass er letztlich wie ein ganz normales Kind denkt und fühlt.

Schließlich gibt Erkan den Ermittlern seinen genauen Standort preis. Er schreibt, welche Kleidung er trägt und schlägt Codewörter vor, die beim Eintreffen der angeblichen Schleuser ausgetauscht werden könnten. Die türkische Polizei ist da bereits auf dem Weg zu Erkan, die Ermittler in Deutschland bangen aber weiter. "Wir hatten in der Vergangenheit häufig Schwierigkeiten bei der Kooperation mit den türkischen Behörden, wenn es darum ging schnell zu reagieren", gibt ein Fahnder zu bedenken. "Wenn es jetzt nicht klappen sollte Erkan zu fassen, dann weis ich wirklich nicht, zu welchem Zeitpunkt das noch gelingen sollte." Die Türkei ließ in den vergangenen Jahren Zehntausende ausländische Djihadisten nach Syrien einreisen, darunter hunderte Deutsche. Kontrollen an den Grenzen waren selten, vor allem der Sturz des syrischen Diktators Bashar al-Assad galt als oberste Priorität in der Außenpolitik des damaligen türkischen Premiers Recep Erdogan.

Am Freitagnachmittag bricht die Verbindung zu Erkan ab. Niemand weiß, ob er wieder getürmt ist oder von der türkischen Polizei festgenommen wurde.

Doch dann kommt wenig später die Meldung aus der Türkei: Erkan sei noch an Ort und Stelle gefasst worden. Die Ermittler des BKA jubeln. Es ist ein großer Fahndungserfolg. Erkans Mutter bricht bei der guten Nachricht in Freudentränen aus. Ihr Sohn lebt und wird wieder nach Deutschland zurückkehren können. Strafrechtliche Konsequenzen wird jemand in seinem Alter nicht zu befürchten haben. Ein Neuanfang ist möglich.

Doch Islamismus-Experten bremsen bereits die Euphorie. Vor Erkan liege noch ein weiter Weg, um zu einem normalen Lebensalltag zurückfinden zu können, sagt eine  Elternberaterin "Erasmus Monitor". "Der Junge braucht nun intensive psychologische und pädagogische Betreuung durch das Jugendamt und so weiter. Da müssen jetzt alle wichtigen Leute dabei sein." Generell aber geben Sozialpädagogen Erkan gute Chancen über Deradikalisierungsprogramme ein Leben abseits des Islamismus führen zu können. Doch die Arbeit fängt jetzt erst an.

*Der Name ist "Erasmus Monitor" bekannt.

Anmerkung: Der Beitrag wurde mehrere Male überarbeitet.