Montag, 8. Juni 2015

Propaganda für den Islamischen Staat: Rückschläge und Totenkult

Durch den Tod führender Propagandisten aus Deutschland hat das deutschsprachige IS-Lager schwere Rückschläge hinnehmen müssen. Nun versuchen Nachfolger den entstandenen Schaden zu begrenzen und entwickeln einen eigenartigen Totenkult.

Die militante Salafistenszene in Deutschland hat in den letzten Monaten erhebliche Verluste hinnehmen müssen. Zahlreiche bekannte Ideologen und Djihad-Verklärer starben für den Islamischen Staat (IS) in Syrien und Irak. Besonders schwer wog der Tod der gestandenen Medien-Profis wie Usman Altaf alias "Abu Jandal al Almani", Nadir Hadra alias "Abu Bilal al Maghrebi" sowie Dhirar Jarrar. Alle drei Männer spielten tragende Rollen in der deutschsprachigen Internetpropaganda.

Nadir Hadra
Der "Intellektuelle"

Der Tod von Nadir Hadra bei Kobane im März dieses Jahres löste im Lager der militanten Islamisten große Bestürzung aus. Sowohl IS-Anhänger als auch Mitglieder der konkurrierenden Al-Qaeda aus Deutschland huldigten Hadra als großen Kämpfer und zudem als treuen Freund. Millatu Ibrahim-Gründer Mohamed Mahmoud, mit dem der Deutsch-Marrokaner und IS-Idol Denis Cuspert zusammen in Syrien umher streifte, würdigte seinen Freund für seine Beiträge an der Propagandafront. 

Ein deutscher Al-Qaeda-Kämpfer, der im Norden Syriens kämpft, nannte gegenüber "Erasmus Monitor" Nadir einen "guten Jungen", um den es schade gewesen sei, dass dieser sich dem IS angeschlossen habe. Man hätte sich in Deutschland gekannt, sich freundschaftlich besucht und Kuchen gegessen sowie Tee und Kaffee getrunken. Hadra sei mit seinen Texten gewissermaßen ein Intellektueller der Szene gewesen. Man könne zudem behaupten, so der Djihadist, dass er ein bekannter Salafist in Deutschland gewesen sei. Überschätzen solle man seine Rolle jedoch nicht. Und überhaupt sei Nadir niemals Mitglied von "Millatu Ibrahim" gewesen, sondern habe sich immer wieder von der Gruppe distanziert. "Er hatte auch keine Aufmerksamkeitskomplexe wie manch anderer aus den Reihen dieser Gruppe", so der Kämpfer. Mohamed Mahmoud und Denis Cuspert hätten Hadra wohl immer wieder umworben und ihn so nach Raqqa gelockt.

Unterschätzen sollte man Hadras Rolle jedoch auch nicht. Seit vielen Jahren verkehrte er bundesweit in der salafistischen Szene und warb offensiv für den Djihad. Für die Plattformen "Islamische Audios" und als "Stimme der Wahrheit" produzierte er massenhaft professionelle Propaganda, die von Melancholie bis zur Aggressivität variierten. Seine Bedeutung wird durch die posthume Ehrung im salafistischen Milieu unterstrichen. Aktivisten gründeten eine Facebook-Seite namens "Stimme der Wahrheit unvergessen", die in nur wenigen Tagen hunderte Anhänger anlockte. Mutmaßlich wurde die Seite aus Hadras Umfeld, darunter der Ulmer Samir K., ins Leben gerufen. Auf ihr werden zahlreiche Beiträge von ihm veröffentlicht, aber auch an weitere Propagandisten der Szene wird erinnert.

Der Übersetzer

Darunter ist auch Usman Altaf. Der Mannheimer starb mutmaßlich Anfang Januar 2015 bei Baiji im Irak. Auch um ihn - den "geliebten Bruder Abu Jandal al Almani" - trauerte Mohamed Mahmoud öffentlich. Ebenso unter internationalen IS-Anhängern war die Resonanz auf seinen Tod außerordentlich groß.  Sie ehrten Altaf mit einem Totengedicht, eine Ehre, die nur wenigen deutschen Kämpfern bisher zuteil geworden ist. Der Pakistaner war in Deutschland ein notorischer Djihad-Propagandist.

Usman Altaf
Er betrieb unter anderem jahrelang die Plattform "Shababul Islam Media". Auf Youtube, Facebook und einer eigenen Internetseite lud der Pakistaner zahlreiche Videos mit Reden von führenden Djihadisten hoch. Darunter waren vor allem die mittlerweile getöteten Al-Qaeda-Ideologen Sheikh Anwar al-Awlaki und Sheikh Osama Bin Laden. Altaf übersetzte deren Reden und setzte diese mit aufwendigen Grafiken gekonnt in Szene. Ihm kam dabei zugute, dass er im Gegensatz zu vielen Salafisten die Arabische Sprache perfekt beherrschte, sodass er mitunter eine Marktlücke im ohnehin breiten Propagandaspektrum entdeckte. Viele der heute in Syrien und Irak kämpfenden Djihadisten schauten sich seine Videos an und lasen die Texte.

Bereits in Mannheim hielt sich Altaf jahrlang im Umfeld von radikalen Salafisten auf und beteiligte sich zudem am "Lies"-Projekt des Kölner Predigers Ibrahim Abou Nagie. Später zog er nach Solingen und schloss sich dort dem harten Kern des militanten Salafismus um Mohamed Mahmoud an. Im Mai 2012 konnte man ihn zudem in Bonn bei den gewalttätigen Protesten gegen die umstrittenen Mohammed-Karikaturen beobachten. Altaf gelang 2014 die Ausreise, betrieb aber auch weiterhin vom Irak aus Propaganda für den IS.

Der Wohltätige

Hasan Keskin
Mit Dhirar Jarrar standen Altaf und Hadra wohl ebenfalls in engem Kontakt. Beide warben in der Vergangenheit für den Verein. Der 27-Jährige aus Solingen starb nach Angaben des "Solinger Tageblatts" Ende April 2015 im Irak. Eine Bestätigung durch Mohamed Mahmoud oder andere Quellen fehlen jedoch bis heute. Auch Sicherheitsbehörden hielten sich bisher bedeckt.

 Jarrar führte unter anderem zwischen 2012 und 2013 den in der Salafismus-Szene viel beachteten Verein "An-Nussrah" ("Die Unterstützer") an, der um "Spenden" für das syrische Volk - vor allem an die dort operierenden salafistisch-terroristischen Kampfgruppen - aufrief. Insbesondere Mitglieder von "Millatu Ibrahim" wie Mohamed Mahmoud, Hasan Keskin ("Tauhid Germany") und Michael N. warben mit aggressiven Reden für die Unterstützung des Vereins.

Als der damalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich 2013 Jarrars Verein zusammen mit dem Prediger-Netzwerk "DawaFFM" und Nadir Hadras "Islamische Audios" verbot, erhielt Jarrar entsprechende Unterlassungsanordnungen des LKA. Als Konsequenz eines vermeintlich repressiven Staates entschied Jarrar sich einige Monate später zur Ausreise nach Syrien. Für den IS zog er in den Kampf und starb mutmaßlich Anfang dieses Jahres.

Kampf um die Deutungshoheit

Die islamistische Szene ist durch den Tod der drei deutschen Medienprofis schwer angeschlagen. Hinzu kommt, dass ihr ehemaliger Anführer Mohamed Mahmoud, der sich als "Wissenschaftler und Soldat" bezeichnet, seine Propagandatätigkeiten deutlich heruntergefahren hat. Möglicherweise reagierte er damit auf den zunehmenden Spott über ihn als "Internet-Djihadisten". Zudem ist seine Medienplattform "Al-Ghuraba Media" in den letzten Monaten überwiegend in einer neuen Gruppe namens "Attruja-Brigade" aufgegangen.

Deutsche IS-Anhänger versuchen nun die Rückschläge mit neuen Namenskreationen zu kompensieren. Internetplattformen wie "Die ideale Muslima" oder "Niwelt"  zielen darauf ab - wenn auch technisch nicht sehr versiert - mit pseudo-theologischen Expertisen und primitiven Semantikstrategien die Anhänger bei Laune zu halten. Auch versuchen Aktivisten aus Deutschland und dem Irak professionelle Hochglanz-Propaganda von IS-Kanälen wie al-Hayat, al-Furqan, al-I'tisam, Ajnad und das Dabiq Magazin zu übersetzen. 

Wenn auch die deutsche Al-Qaeda (Jabhat al Nusra/Jaish al-Muhajireen wal-Anser/Junud ash-Sham) in Syrien im Kampf um Anhänger deutlich an informationellen und ideologischen Einfluss eingebüßt hat, gibt es Anstrengungen mit "Nachrichtenseiten" wie "Ummah Islam - Unabhängiges Medienportal" (v.a. mit Schriften von Abu Qatada al Filastini und Abu Mohammed al Maqdisi) zumindest oberhalb der Wahrnehmungsgrenze zu bleiben. Vor allem dominiert hier der theologische und politische Kampf gegen den Konkurrenten IS. 

In Anbetracht zunehmender Spannungen und militärischer Auseinandersetzungen zwischen den beiden Terrorgruppen in Nordsyrien kann in Zukunft von einer Verschärfung des Propagandakriegs ausgegangen werden. Auf die Expertise von Nadir Hadra, Usman Altaf und Dhirar Jarrar muss der IS jedoch in Zukunft verzichten.