Freitag, 24. April 2015

Getöter Deutscher "Abu Osama al Almani": Von Waziristan nach Syrien


Als der Kemptener Djihadist David Gäble im Frühjahr 2014 im Kugelhagel syrischer Rebellengruppen fiel, übersahen die meisten Beobachter die Meldung über einen zweiten deutschen Toten in Syrien: "Abu Osama al Almani" sei ebenfalls "shahid" im Kampf gefallen, so deutsche Islamisten. Erst im Januar 2015 offenbarte ein prominenter Autor des Islamischen Staates (IS), dass der Deutsche eine längere Djihad-Vergangenheit hatte und in der Szene bestens vernetzt war.

Chronist der Gotteskrieger

Hunderte Kämpfer des IS zollten "Abu Osama al-Almani" im Januar dieses Jahres noch einmal mit Bittgebeten ihren Respekt. Erst da erfuhren die meisten von ihnen, welche Erfahrungen der im Frühjahr 2014 getötete Deutsche als Mitglied der pakistanischen IBU, der irakischen al-Qaida und als Pionier des IS bereits gesammelt hatte. 

Der Grund: "Abu Osama" spielte die Hauptrolle in einer biografischen Abhandlung, die ein unter ISIS-Anhängern mittlerweile bekannter Autor namens "Sultan Sanjar" in sozialen Netzwerken veröffentlichte. Dass es sich dabei um eine wichtige deutsche Persönlichkeit der Terrorgruppe handelt, gilt als wahrscheinlich. Er offenbart nämlich zahlreiches Insiderwissen. Womöglich als Kämpfer und zugleich wandernder "Chronist" traf er in den letzten Jahren zahlreiche IS-Djihadisten der ersten Stunde und schrieb ihre Lebensgeschichte auf, darunter auch die von "Abu Osama al Almani".

Die Geschichte von "Sultan Sanjar" über den Deutschen "Sulaiman", wie "Abu Osama" von deutschen Islamisten vereinzelt auch genannt wurde, erinnert auf den ersten Blick an einen Liebesbrief für eine Verflossene: "Die Geschichte von meinem Bruder und Geliebten mit den Augen eines Märtyrers, als er von Allah angenommen wurde" lautet der schwermütige Titel des in arabischer Sprache geschriebenen "Romans". "Ich weiß nicht, wie ich meine Tränen und Schreie auf der Tastatur meines Computers zum Ausdruck bringen kann", leitet der Verfasser theatralisch in die Biografie ein.

Gefangenschaft in Pakistan

Die erste Lebensstation "Abu Osamas" sei Pakistan gewesen, so der Autor. Er habe - vermutlich als Mitglied der IBU - versucht, sich dem afghanischen Freiheitskampf gegen die Ungläubigen anzuschließen. Doch ausgerechnet an der afghanisch-pakistanischen Grenze hätten ihn pakistanische Grenzbeamte aufgegriffen und verhaftet. 

Pakistanische IBU
"Dies ist der erste Test und der erste wirkliche Einschnitt in meinem Leben gewesen", soll "Abu Osama" dem Autoren berichtet haben. So habe er sich im Gefängnis mehr mit der Religion befasst und gelernt, ein Leben abseits von Luxus und stattdessen mit Entbehrungen wie Hunger zu führen. Er habe zugleich die dankbare Erfahrung gemacht im Gefängnis gemeinsam mit "unerprobten Brüdern jeder Rasse, Hautfarbe und Bildungsgrad" den Koran zu studieren.

Später seien ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft sowie ein Journalist einer deutschen Zeitung in seiner Gefängniszelle erschienen - "Islamfeinde", wie der Autor propagiert. "Ich habe ihnen eine Geschichte erzählt!", prahlt "Abu Osama" gegenüber "Sultan Sanjar". Dem Botschaftsangehörigen soll er gesagt haben, er sei im Grenzgebiet im Tourismusgeschäft tätig gewesen.  "An der Grenze?", fragten ihn die Ermittler ungläubig. "Ja!". Er habe die Ermittler dann gefragt: "Haben sie denn Beweise gegen mich?" 

Was mit ihm dann passierte, bleibt im Text unklar. Wahrscheinlich wurde "Abu Osama" nach Deutschland abgeschoben. Möglicherweise entzogen die Behörden ihm den Reisepass.

Tod eines deutschen Bruders

Wie "Abu Osama al Almani" nach Syrien gelangte, bleibt derzeit ungeklärt. Er war jedoch bereits im Herbst 2013 in Syrien als "Kommandant" mehrerer Ambulanzen unterwegs und Mitglied einer ISIS-Kampfgruppe, der auch andere Deutsche angehörten. Als er "Sultan Sanjar" in Syrien traf und mit ihm eine Zeit lang zusammen blieb, um "Da'wa zu betreiben", begegneten sie weiteren "deutschen Brüdern". Doch diese hatten offenbar eine schlechte Nachricht für "Abu Osama". Sie teilten ihm mit, dass ein Freund von ihm, ein deutscher Nationalspieler namens "Abu Abdullah", im Kampf gefallen sei. 

Ex-Nationalspieler Burak Karan alias "Abu Abdulla at-Turki"
Gemeint ist der Wuppertaler Fußballspieler Burak Karan alias "Abu Abdullah at-Turki", der im November 2013 durch einen syrischen Luftangriff getötet wurde. Bereits 2010 war Karan verdächtigt worden, mit mehreren deutschen al-Qaida-Leuten aus dem Umfeld der Wuppertaler Moschee, darunter auch der verurteilte Terrorist Emrah Erdogan, ins pakistanische Waziristan gereist zu sein. Viele Islamisten aus Hamburg und Wuppertal schlossen sich zur damaligen Zeit dem dortigen al-Qaida-Ableger IBU an, darunter wohl auch "Abu Osama". Karan dagegen war nach der Ausreise noch in der Türkei umgekehrt und nach Deutschland zurückgekehrt. Die Behörden hatten ihn da bereits ins Visier genommen. In Solingen schloss sich Karan allen Warnungen zum Trotz Mohamed Mahmouds Extremistenverein "Millatu Ibrahim" an. Anfang 2013 reiste er wie viele andere nach Syrien aus.

Voll der Trauer um den alten Freund, beschlossen "Abu Osama" und "Sultan Sanjar" die Ehefrau vom Tod des "Bruders" persönlich zu informieren. Denn diese hatte Ehemann Burak mit den beiden Kleinkindern in den Djihad begleitet. "Abu Osama" hatte sie in Deutschland persönlich kennengelernt, erzählte er seinem Biograf. Am Hause der Familie angelangt und hinter verschlossener Tür habe der Deutsche der Ehefrau dann die traurige Nachricht übermittelt. Alle Anwesenden sollen bitterlich geweint haben. 

Waffenhandel und Entführungen

"Abu Osama" soll stark in Waffengeschäften der ISIS involviert gewesen sein. So soll er von syrischen Beduinenstämmen und türkischen Mittelsmännern Waffen gekauft haben. Man gehöre zu den besten Männern von al-Zarqawi, dem Chef des irakischen al-Qaida-Ableger, lautet eine prahlende Selbsteinschätzung im Text.
Um die Kosten zu decken, hätten "Abu Osama" und seine Kumpanen Pläne zur Entführung ausländischer Journalisten ausgeheckt. Für Lösegeld sollten vor allem deutsche Journalisten gekidnapped werden aus Rache für die ungerechte Berichterstattung, als "Abu Osama" in Pakistan inhaftiert war.

Aleppo: Schlachtfeld internationaler Djihadisten
Doch zur Durchführung der Pläne reichte offenbar die Zeit nicht mehr. In Aleppo brachen im Frühjahr 2014 schwere Häuserkämpfe zwischen ISIS und syrischen Djihadistengruppen aus. Mittendrin wohl auch die Gruppe um David Gäble alias "Abu Dawud al Almani" sowie "Abu Osama al Almani". 

Zunächst habe Letzterer eine Verwundung am Bein erlitten, danach noch einen direkten Einschuss in die Brust.
""Abu Osama" hat seine Shuhada erhalten aufgrund der teuflischen Syrer bei ihrer Kampagne gegen Immigranten und die Verteidiger des Islams", empört sich der Text über das Geschehen in Aleppo.

Ein Bonner Djihadist

Bilal Ünal: "Abu Osama al Almani"
Wer "Abu Osama al Almani" tatsächlich war, verschweigt der Text von "Sultan Sanjar". Mehreren Hinweisgebern zufolge handelt es sich dabei um den Bonner Islamisten Bilal Ünal, der im Jahr 2009 gemeinsam mit anderen Djihadisten, darunter der heute für al-Shabaab kämpfende Andreas M. sowie einem Schwager der berühmten Chouka-Brüdern, von pakistanischen Behörden an der Grenze zu Afghanistan aufgegriffen und für sechs Monate inhaftiert worden war.

Auf Vermittlung der Bundesregierung kam Ünal frei und wurde nach Deutschland abgeschoben. Von Bonn soll er später dann nach Aachen gezogen sein. Dort lernte er wohl auch Burak Karan kennen, der dort seit seiner Zeit als Fußballer der zweiten Fußballmannschaft von Alemannia Achen wohnte. Ünal heiratete und bekam Nachwuchs. Das hielt ihn aber nicht davon ab, 2013 nach Syrien zu reisen und Anfang 2014 als "Märtyrer" zu sterben.

Sein Weg zeigt, wie der syrische Bürgerkrieg durch die zunehmend konfessionelle Polarisierungsdynamik im Kontrast zum Djihad in Pakistan und Afghanistan bei vielen Islamisten an Attraktivität gewann. Nicht zuletzt versuchten auch die Chouka-Brüder vergeblich von Pakistan nach Syrien zu reisen, um sich dort Al-Qaida anzuschließen.