Dienstag, 24. März 2015

"Schöner kann man sich nicht fühlen" - Die Geschichte einer Radikalisierung

Der Frankfurter Riza Y. kämpft seit mehr als einem Jahr in Syrien für den islamischen Staat (IS). Schulabbruch, Knast und religiöser Fanatismus führten dazu, dass Riza aufhörte an ein Leben in Deutschland zu glauben. Die Geschichte einer Radikalisierung.

Du hast keinen auf dieser Welt, außer Allah“

Es ist ein kalter Dezembermorgen im Jahr 2012, als ein grauer Mercedes vor der JVA in Wiesbaden hält. Dichter Nebel schwebt über den Dächern der Stadt. Mehrere Männer steigen aus dem Auto. Einige tragen lange Bärte und reden aufgeregt miteinander. Immer wieder schauen sie zum blauen mit Stacheldraht gesicherten Stahltor des Gefängnisses herüber, das sich jeden Moment öffnen kann. „Akhi, hol' die Kamera aus dem Wagen!“, ruft jemand aus der Gruppe zu einem Kollegen, als das Tor langsam zur Seite rollt.

 Aufgelauert: Jugendlicher vor der JVA
Es ist neun Uhr am Morgen. Ein junger Mann tritt aus der Sicherheitsschleuse der JVA: Gesenkter Kopf, unsicherer Blick, deswegen wohl auch die enge Basketballjacke, die ihn wie ein Panzer vor Angst und Kälte schützen soll. Verloren steht er am Eingang des Gefängnisses, bis er die Gruppe auf der anderen Straßenseite sieht. Die wartenden Männer winken ihn zu sich herüber und umarmen ihn herzlich. „Akhi, hör mal, du bist doch aus dem Knast gekommen? Hast du dir schon vorgenommen, was du in Zukunft machen willst?“, fragt der Mann mit der Kamera den schmallippigen 19-Jährigen aus der Türkei. Der Jugendliche antwortet schnell. „Ja, auf jeden Fall, ich habe da drin angefangen zu beten.“ Die Männer loben ihn und drücken ihm Bücher über den Islam in die Hände. „Gib uns doch mal deine Nummer. Vielleicht können wir dich unterstützen, wenn du alleine bist. Nicht das du denkst, du kommst hier aus dem Knast raus und du bist alleine!“

Kurze Zeit später hält ein weiteres Auto vor dem Gefängnis. Ein breitschultriger Mann mit langem schwarzem Bart und zerzausten Haaren steigt aus und umarmt den jungen Ex-Häftling. „Gerade raus gekommen? Hältst du dich an deine Religion?“ „Ja, ich werde es durchziehen“, beteuert der junge Mann unterwürfig. „Du hast keinen auf dieser Welt außer Allah. Wenn dich alle loslassen, hast du immer noch Allah. Bleib' stark, halt dich an deine Gebete und umgib' dich mit guten Brüdern.“, ermahnt der Mann ihn noch einmal. Der Belehrte geht. "Besuch mal unsere Seite 'diewahrereligion.de'!", rufen die Männer ihm lachend hinterher.

"Sei ein Diener Gottes!"

Prediger Said el-Emrani (l.), Ex-Häftling Riza Y.
Um zehn Uhr morgens tritt ein weiterer junger Mann aus der JVA in die Freiheit. Auf ihn haben die Männer draußen eigentlich gewartet. Er heißt Riza Y. und saß knapp ein Jahr lang in der JVA wegen unterschiedlicher Straftaten.
Der Türkisch-stämmige sieht aus wie der höfliche Student von nebenan: Gutmütige Augen, schüchternes Lächeln, ein leichter Bartansatz. Er kennt die Leute auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Er schnappt sich seine Habseligkeiten aus dem Gefängnis und geht zu ihnen herüber.

Erst umarmt ihn der bekannte Kölner Salafist Sabri Ben Abda, in einer Hand seine Kamera, mit der er Riza filmt. Dann versinkt Riza in den Pranken von Said el-Emrani, den man in der Szene vor allem als Abu Dujanah kennt. Sie lachen miteinander. „Wir sind extra für dich hergekommen“, sagt el-Emrani zu Riza. Der Prediger fragt ihn, ob er im Gefängnis zum rechten Weg zurückgefunden habe. Gewiss, versichert dieser. „Wäre ich mit dem Islam richtig aufgewachsen und hätte ich alles richtig gelernt, wäre ich auf jeden Fall nicht im Knast gelandet“, sagt er.

Um die Fehler der Vergangenheit vergessen zu machen, ist Riza am gleichen Morgen auch bereit mit seinen neuen Freunden gemeinsam nach Frankfurt zu fahren und Korane zu verteilen - „Dawa machen“. „Genau deswegen machen wir die Arbeit“, erklärt Said el-Emrani mit zufriedenem Blick auf Riza. „Wir opfern unsere Zeit, unser Geld und unseren Besitz, um Muslimen in den deutschen Gefängnissen zu helfen. Wir sind diejenigen, die die Leute von den schlechten Dingen abhalten, von Drogen, Alkohol und von allem Schlechten.“ Er freue sich, dass Riza sich von Allah habe recht leiten lassen und er nun beabsichtige den richtigen Weg zu gehen. „Bleib bloß von den schlechten Freunden weg, sei ein Diener Gottes!" und "Wir lassen uns von den Feinden nicht stoppen, auch wenn sie uns in den Knast stecken.“, appelliert der Prediger an Riza. Gemeinsam sei man stark, auch wenn - so warnt er den jungen Mann - bald schlechte Menschen zu ihm kämen, deren Einflussversuche nur mit viel „Impfmaterial“ zu widerstehen sei.

Fahrzeugkontrolle durch Spezialeinheiten
Die schlechten Menschen kommen manchmal schneller als gedacht. Als sich die Gruppe in den Mercedes setzt und auf die Autobahn nach Frankfurt fährt, werden sie von einer Spezialeinheit der deutsch-französischen Copagnies Républicaines de Sécurité (CRS) gestoppt. „Allgemeine Verkehrskontrolle“ heißt es. Staatsschutz oder die JVA haben die Einheiten angefordert. Acht Polizisten umstellen den Wagen. Die Islamisten aber machen sich lustig über sie. „Wir wollen die Jungs resozialisieren“, ruft Sabri Ben Abda lachend einem Beamten zu. Doch mit der „Schikane“ gegen Muslime und den Terrorverdächtigungen gegen sie als unbescholtene Bürger funktioniere das dann ja nicht, so der Kölner. Bei all dem Klamauk sitzt Riza stumm aber sichtlich angespannt auf der Rückbank des Wagens. Merkt er vielleicht in diesem Moment, in welchen Kreisen er sich künftig bewegen wird?

"Bessere Freunde habe ich momentan nicht"

Riza bei Koranverteilungen in Frankfurt
In Frankfurt geht die Gruppe zunächst zum Freitagsgebet in eine Moschee. Es ist das erste Mal nach fast 12 Monaten, wo Riza wieder eine Moschee von innen sieht. Nur wenige Stunden später steht er mit Sabri Ben Abda, Bilal Gümüs und drei weiteren Helfern auf der Frankfurter Zeil in der Innenstadt und verteilt Korane an die Passanten. „Schöner kann man sich nicht fühlen.“, sagt Riza in die Kamera von Sabri Ben Abda, während er mit ihm eine Straße in Frankfurt entlang läuft. „Wie kommt's, dass du heute mit uns Korane verteilen möchtest?“, fragt ihn der Kölner. „Also hier sind meine Freunde. Bessere Freunde habe ich zur Zeit nicht.“, antwortet Riza ehrlich. Vor seiner Haft hatte der Deutsch-Türke nicht viel mit den Islamisten zu tun gehabt. Als die Gerichtstermine anstanden und klar war, dass er für einige Zeit hinter Gittern wandern würde, nahm er häufiger den Koran aus dem Regal.

Vor allem war es sein Freund Bilal, der ihn ermunterte sich mehr mit dem Islam zu beschäftigen. Beide stammen aus den Frankfurter "Problemvierteln" wie Sossenheim und Gallus. Sie wohnten in unmittelbarer Nachbarschaft und lungerten als Jugendliche auf den Straßen herum, machten Hip-Hop. In der Schule waren sie schon früh gescheitert. Sie klauten in Läden, brachen in Häuser ein und prügelten sich mit verfeindeten Gangs. "Wir waren damals sehr sehr kranke Menschen. Wir hatten keine Ahnung vom Islam", erzählt der Deutsch-Kurde Bilal in einem Video für "die wahre Religion".

Als im Jahr 2008 ein Filmteam von SPIEGEL TV in Sossenheim unterwegs war, begegneten sie auch ihm und seiner Jugendgang. Warum sie denn so wütend seien, wurden sie gefragt. "Ich kann ihnen sagen warum wir so sind. Wir werden unterdrückt und wir wehren uns gegen die Unterdrückung.", machte Bilal klar. Auch er saß wie Riza später eine zeitlang im Gefängnis wegen schweren Straftaten wie versuchten Todschlags und Raubüberfällen auf Frankfurter Postbanken und Casinos. In der Haft hatte er genug Zeit sich intensiver mit dem Koran zu beschäftigen. Er beschloss daraufhin ein besserer Mensch zu werden.

Bilal Gümüs: Vom Straßenkind zum Salafisten
Heute gilt er als große Nummer in der Frankfurter Salafisten-Szene. Als enger Vertrauter von Ibrahim Abou Nagie trifft er sich regelmäßig mit führenden Islamisten aus Deutschland und Europa. Auch als "Scout" für anfällige und unsichere Jugendliche ist er seit seiner eigenen "Rechtleitung" äußerst erfolgreich gewesen. So auch bei Riza.

Denn Bilal hatte dem Freund noch während dessen Haft im April 2012 zwei Postkarten in die JVA Wiesbaden geschickt. „Selam u alkum riza“ stand auf den Karten. Auf Abbildungen posieren Gümüs und andere Frankfurter Salafisten bei „Lies“-Aktionen mit süßem Gebäck und Koranen in ihren Händen. „Möge Gott dir die Freiheit schenken“ lautet eine Botschaft von Gümüs an den Inhaftierten."Wir sind für dich da, wenn du raus kommst", sollte Riza wissen.

Riza aber erhielt die Karten nie. Die Gefängnisleitung habe sie konfiszieren lassen, behauptet der Frankfurter und zeigt dabei auf einen Brief der JVA, den er im Gefängnis erhalten hat. Die Grußkarten gefährdeten das "Erziehungsziel" von Rizas Haft, schrieb ihm die Chefetage warnend. Zudem könnten die Briefe „die Eingliederung anderer Gefangener gefährden.“ Hatte die JVA also die Radikalisierung von Riza in der Haft erkannt?

"Sehr netter, naiver Junge"

In einem Interview der SPIEGEL-Journalistin Lisa Schnell mit der Gefängnisleiterin Hadmut Jung-Silberreis Mitte 2014, zeigte diese sich von Rizas Entwicklung überrascht. "Der Junge war völlig unauffällig. Er hat im Gefängnis eine Ausbildung gemacht und hatte sogar eine Stelle.", erklärte sie. Erst als sie ein Video von Sabri Ben Abda auf Youtube anklickte und sah, dass Riza nach seiner Entlassung aus der JVA im Dezember 2012 mit den einschlägig bekannten Salafisten zusammen davonfuhr, sei sie auf die mögliche Radikalisierung Rizas aufmerksam geworden.

Riza selbst widerspricht indirekt diesen Aussagen. Leiterin Jung-Silberreis sei ihm bereits wegen seines langen Bartes misstrauisch begegnet. "Sie schrieben mir, ich würde die Leute zum Attentat aufrufen, was lächerlich ist!" Zudem sei ihm der Vorwurf gemacht worden, Mithäftlinge radikalisiert und so ihre Resozialisierung verhindert zu haben. Im SPIEGEL-Interview räumte Jung-Silberreis zumindest ein, sie habe gewusst, dass in der JVA Hetzschriften des international berüchtigten Salafisten-Predigers Bilal Philips herumgegangen seien. Die Wachmänner seien aber nicht in der Lage gewesen, das Propagandamaterial richtig einzuordnen.

Kampf gegen die Radikalisierung: Imam Husamuddin Meyer
Der deutsche Imam Husamuddin Meyer, der Riza während dessen Haftzeit in Wiesbaden betreut hat, bestätigt im Gespräch mit "Erasmus Monitor" die Aussagen der JVA-Leitung. Riza habe sich in der Haft gänzlich unauffällig verhalten, so Meyer. Nie kokettierte er mit radikalen Ideen. Zwar ließ sich der Frankfurter im Laufe der Zeit einen längeren Bart wachsen, jedoch sah Meyer darin kein ernstes Anzeichen einer Radikalisierung. Offen und ehrlich seien ihre Gespräche gewesen. "Riza ist ein sehr netter, naiver Junge, aber sehr leicht manipulierbar", merkt er an. Es sei aber auch für ihn überraschend gewesen, als er gesehen habe, wer Riza da bei seiner Haftentlassung vor der JVA abholte.

Er bezweifelt, dass Riza bewusst den Weg in die Radikalisierung gewählt habe. Die Salafisten hätten den Unentschlossenen wohl gezielt zur Rekrutierung ausgewählt und dann vor dem Gefängnis überrascht. Auch könnte Geld zwischen "Scouts" und "Catchern" für die Vermittlung geflossen sein.  "Als er noch drinnen war, wollte er sich nach der Haft weiter an mich wenden, aber das haben die anderen wohl verhindert und ihn in eine andere Richtung geführt.", so Imam Meyer, der sichtlich enttäuscht ist über den eingeschlagenen Weg seines ehemaligen Schützlings.

"Manipulierer und Manipulierte"

Riza Y. wohl in Syrien
Rizas Weg nämlich führte wie bei so vielen jungen Männern direkt in den Djihad. Verteilte er noch mehrere Monate nach seiner Entlassung Korane in der Frankfurter Innenstadt, legen Bilder im Internet nahe, dass der Deutsch-Türke mit zwei weiteren Frankfurter "Brüdern" - Ahmed und Mustafa aus dem Frankfurter Stadtteil Gallus - Anfang 2014 nach Syrien ausgereist ist und sich momentan in der Provinz Aleppo aufhält. Dort kämpfen sie für den Islamischen Staat (IS).
 Alle drei Gefährten kommen aus dem Umfeld des "Lies"-Projekts und wurden im gleichen Zeitraum zwischen 2012 und 2013 durch Bilal Gümüs, Said el-Emrani und Sabri Ben Abda rekrutiert. Genauso haben alle drei Djihadisten eine kriminelle Vergangenheit, zwei von ihnen saßen im Gefängnis.

Vom "kriminellen Hochhausmilieu" spricht Imam Husamuddin Meyer, wenn er sich die Biografien deutscher Djihadisten ansieht. Sie seien am besten geeignet zur Gruppe der "Manipulierten" zu gehören. Dagegen seien die "Manipulierer" oft sehr intelligent, innerlich gefestigt und gingen clever beim Umwerben der Zielgruppe vor. Die Vorurteile der oftmals gesellschaftlich und sozial gescheiterten Männer würden häufig bedient mit der Kritik am westlichen Lebensstil und dem Materialismus. Dagegen werde ein Leben in Bescheidenheit abseits von dieser Welt hervorgehoben. Der Dienst an Gott - auch wenn Raub und Mord Bestandteil davon sind - wird zum alles dominierenden Dogma.
Frankfurter ISIS-Kämpfer: Riza, Mustafa, Ahmed
Ob Riza und seine Freunde es schaffen werden, sich aus dem Würgegriff des radikalen Islamismus zu befreien und gesund nach Deutschland zurückkehren, entscheiden sie selbst. Es ist offenbar noch nicht zu spät.