Dienstag, 3. März 2015

IS-Kämpfer Mohamed Mahmoud: "Wenn das Messer über deine Kehle läuft"



Der Österreicher Mohamed Mahmoud gehört zu den schillernsten europäischen Mitgliedern der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS). Neben seinem Freund Denis Cuspert prägt Mahmoud die global vernetzte Gruppe wie kein anderer Djihadist aus dem deutsch-sprachigen Raum. Er ist Kämpfer und Ideologe zugleich.


Als Sprachrohr von ISIS veröffentlichen er und einige andere deutsche Djihadisten täglich Zeugisse über die grausame Realität in Irak und der Levante. Minderheiten jeder Art werden verhöhnt, Exekutionen und wahabitisch-traditionelle Strafmaßnahmen glorifiziert sowie radikal-islamistische Propaganda verbreitet.

Auch dem Westen - speziell Deutschland - bleibt Mahmoud trotz seiner Emigration ins Kalifat treu: Er hetzt gegen Politiker, ehemalige Glaubensbrüder und deutsche Journalisten.

Staatenloser Österreicher

Es war im März 2013 als die türkischen Behörden einen kleingewachsenen und untersetzten Mann an der türkisch-syrischen Grenze aufgriffen. Bei der Kontrolle hatte sich der Mann ihnen gegenüber mit einem libyschen Pass ausweisen können, doch die Papiere ließen die Beamten zweifeln. Es waren schlechte Fälschungen. Mahmoud wurde festgenommen. Ein Jahr lang saß der Österreicher in der türkischen Stadt Konya in Haft, da er keine gültige Einreiserlaubnis für die Türkei hatte. Seinen österreichischen Pass hatte er unglücklicherweise Monate zuvor in Ägypten vor laufender Kamera verbrannt und mit seinem früheren Leben des Mohamed Mahmoud abgeschlossen. Von nun an hieß er nur noch "Abu Usama al-Gharib".

Doch im August 2014 ließen die türkischen Behörden den notorischen Gotteskrieger überraschenderweise wieder laufen. Ein Auslieferungsgesuch Österreichs hatte die türkische Regierung abgelehnt. Mahmoud tauchte in der Folge unter und setzte sich dann wenige Tage nach seiner Entlassung nach Syrien ab. ISIS-Anhänger berichteten, dass Mahmoud frei kam, weil er Teil eines Deals zwischen der Terrorgruppe und der türkischen Regierung gewesen sei. Der türkische Ministerpräsident Erdogan wollte nämlich mehrere in Mossul als Geiseln genommene Diplomaten und Soldaten wieder frei bekommen. Im Gegenzug verlangte die ISIS-Führung die Freilassung Dutzender führender ISIS-Funktionäre aus türkischen Gefängnissen. Der Deal funktionierte offensichtlich.

Gehobenes Management

Mohamed Mahmoud alias Abu Usama al-Gharib
In Freiheit und in Syrien angelangt, reiste Mohamed Mahmoud in die im Nordosten des Landes gelegene Stadt Raqqa weiter, wo er mit offenen Armen von der Terrorgruppe empfangen wurde. Es waren bereits Dutzende deutsche Kämpfer in der Stadt unterwegs. Ehemalige Anhänger von "Millatu Ibrahim" und andere Djihadisten aus dem gesamten Bundesgebiet bildeten bereits eigene Kampfbrigaden, die syrische Rebellen als auch Regime-Truppen attackierten. Darunter waren auch Denis Cuspert alias Abu Talha al-Almani und Silvio Koblitz alias Abu Azzam al-Almani, die bei der Terrorgruppe bereits zur Prominenz in den Reihen der Extremisten gehörten.

Mahmoud galt als Gründer des Solinger Jugendvereins "Millatu Ibrahim" sowie als gestandender Medien-Profi salafistischer Propaganda von Anfang an zum Kreis des gehobenen Managements von ISIS. Auch kannte Mahmoud bereits viele Kämpfer aus Deutschland, Ägypten und Libyen, mit denen er sich nach seiner Ausreise aus Deutschland 2012 in Ägypten und Libyen herumgetrieben hatte. In Raqqa wurde er nach seiner langen und glücklosen Odysee durch Nordafrika und die Türkei genau das, was er schon immer sein wollte: ein zweiter Bin Laden, ein Terrorpate, sowohl Ideologe als auch Kämpfer.

Dass Mahmoud zum obersten Machtzirkel von ISIS gehören könnte, ist dagegen unwahrscheinlich. Mit Ausnahme von Reda Seyam, der als Bildungsminister der ISIS momentan Bibliotheken und Universitäten in Mossul niederreißen lässt, verfügt Mahmoud wohl nicht über unmittelbare Verbindungen zu den irakischen Führungsleuten um al-Baghdadi. Vielmehr fungiert Mahmoud mit seiner großen Erfahrung mit Medien als eine Art Propagandaminister der deutschen Sektion, auch wenn er sicher nicht der einzige ist.

Zuständig für Propaganda und Agitation

Medienplattform "alghuraba media"
Für diese Annahmen spricht, dass Mahmoud nur wenige Wochen nach seiner Ankunft im syrischen Raqqa die als "Dichterin des islamischen Staates" bekannt gewordene Islamistin Ahlam Al-Nasr ehelichte. Zusammen mit ihr und anderen Djihadisten baute Mahmoud ein Medienimperium für die Verbreitung der ISIS-Propaganda auf. Einschlägige Plattformen wie die "Medienfront zur Unterstützung  des islamischen Staates" und "alghuraba media" können Mahmoud und seinem Umfeld zugeordnet werden. Sowohl in deutscher als auch arabischer Sprache werden professionell gestaltete Grafiken und Texte veröffentlicht. Sie betreffen sowohl theologische Themen, tagespolitische Ereignisse im Machtbereich der ISIS sowie voyeuristisch inszenierte Propaganda.

Aufnahmen von gut besuchten Märkten und vollen Warenkörben zeigen das vermeintlich einträgliche Leben in ISIS-Hochburgen wie Mossul und Raqqa. Genauso werden Massaker an religiösen und ethnischen Minderheiten sowie wahabitische Bestrafungsaktionen wie Zwangsamputationen, Kreuzigungen, Enthauptungen und Steinigungen als von Gott gewollte Taten gepriesen.  
Freunde Cuspert und Mahmoud in Syrien

Neben dieser Arbeit setzt sich Mahmoud selbst immer wieder als hartgesottener Krieger und Scharfmacher in Szene. Bilder zeigen ihn in Raqqa mit einem breiten Grinsen im Gesicht  neben enthaupteten syrischen Soldaten kauern. Mit Denis Cuspert und anderen Deutschen wie Nadir Hadra und Silvio Koblitz tauchte er bisher immer wieder in Videos auf Youtube oder anderen Medien-Plattformen auf.

Ein vom Februar 2015 datiertes Video zeigt Mahmoud und Cuspert gemeinsam in einem syrischen Dorf, möglicherweise in den Provinzen Homs oder Deir Ezzor. Cuspert berichtet darin, man reinige gemeinsam die Moscheen, indem man Süßigkeiten an die Kinder verteile, "um die Herzen der Menschen ein bisschen zu gewinnen". Hinter ihm steht ein wohl gesättigter Mahmoud in prophetischer Haltung auf den Stufen eines Hauseingangs, der sich sichtlich in der Rolle des Gönners gefällt.

Deutschland weiterhin im Visier

Eindeutige Botschaft
Trotz der Tatsache, dass Mahmoud mit seinem alten Leben in Europa abgeschlossen hat, beobachtet er die Ereignisse in Deutschland aufmerksam. Anschlagswarnungen werden von ihm sarkastisch und mehrdeutig kommentiert.

Die mit al-Qaida eher sympathisierenden Prediger aus  Berlin und Frankfurt werden von ihm verdammt, alle wahren Gläubigen zum Kampf nach Syrien und Irak aufgerufen. Alte Bekannte, die ihm in Deutschland das Leben schwer machten, bepöbelt er und droht ihnen aus seinem "Exil". Als die Islamwissenschaftlerin Claudia Dantschke in Washington auf ihren Flug wartete, schrieb ihr Mahmoud, er hoffe sie stürze mit dem Flugzeug ab. Alternativ sei es "lieber geschlachtet abzukratzen". Ähnliche Drohgebährden schickte der impulsiv denkende Mahmoud auch an SPIEGEL-TV-Redakteur Roman Lehberger und "Welt"-Journalist Florian Flade: Solange es noch genug Kuffar wie Flade und Lehberger zum Schlachten gebe, fehle es ihm an nichts, so Mahmoud.

Auch "Erasmus Monitor" erreichten in der Vergangenheit regelmäßig Drohungen von Mahmoud: Auf Nachfrage an den Österreicher hin, wie tragisch langweilig ihm es doch sein müsse, wenn er soviel Zeit für Drohungen an deutsche Journalisten habe, antwortete er, es sei tragisch, wenn ein Messer durch meine Kehle liefe. Fotos mit zum Tode geweihten Gefangenen der ISIS und enthauptete Soldaten sollten seine Drohungen wohl untermauern.

Aufstieg in der ISIS-Hierarchie?

Neue Bildaufnahmen weisen darauf hin, dass Mahmoud in der Hierarchie des sog. Islamischen Staates möglicherweise aufsteigen konnte. So zeigen diese ihn mit einem Chefideologen der Terrorgruppe - dem Bahraini Turki al-Binali alias Abu Sufyan as-Sulami - in einer Moschee in Raqqa.

Der 1984 geborene Mufti gilt als einer der einflussreichsten Personen der neuen Djihadisten-Generation. Er studierte unter anderem bei Predigern wie Abdullah Bin Abdulrahman Bin Jebreen, dem al-Qaida-Ideologen Abu Mohamed al-Maqdisi sowie Safaa al-Daqa al-Adawi. Mahmoud und seine Freunde von Millatu Ibrahim veröffentlichten in der Vergangenheit mehrere Hasspredigten von al-Binali mit deutscher Übersetzung. Möglicherweise ist Mahmoud nun zur rechten Hand al-Binalis aufgestiegen, was jedoch nicht mit einem Zuwachs an Kompetenzen einhergehen muss. Al-Binali lieferte wohl für Mahmouds Mediennetzwerk immer wieder Wortbeiträge und Schriften wie "Ein Katalog des Lebens", "Hebe deine Hände und schwöre al-Baghdadi die Treue" oder "Pflichten für die Anhänger des islamischen Staates im Irak und der Levante", die über die einschlägigen sozialen Netzwerke verbreitet wurden.

In Libyen? Mohamed Mahmoud und Turki al-Binali
Eine andere Version über die Beziehung der beiden Prediger lieferen die österreichischen Geheimdienste, wie ein Journalist im März im "Kurier" schrieb: Mohamed Mahmoud sei bereits im September 2014 mit Turki al-Binali nach Libyen gereist. In dem Bürgerkriegsland, dass nach dem NATO-Eingreifen nicht zur Ruhe kommt und in dem ISIS mittlerweile massiv an Boden gewinnt, soll al-Binali in der Stadt Sirte ein Hauptquartier der Terrorgruppe aufgeschlagen haben.

Ob die Vermutungen der Geheimdienste tatsächlich zutreffend sind, ist stark zu bezweifeln. Denn fraglich ist, wie die mittlerweile weltweit bekannten Terroristen ohne gültige Papiere (auch mit gefälschten) aus Syrien nach Libyen ausreisen konnten, ohne dass dies nationalen und internationalen Geheimdiensten aufgefallen wäre. 

Denis Cuspert mit al-Binali vermutlich in Raqqa
Bahrainischen Medienberichten zufolge war al-Binali im Jahr 2013 zwar tatsächlich in Libyen und empfing dort bei mehreren Predigten zahlreiche Djihadisten. Er reiste jedoch über die Stationen Marokko, Yemen und Syrien zunächst wieder zurück nach Bahrain. Im Frühjahr 2014 kündigte al-Binali seine Reise ins islamische Kalifat an und traf kurz darauf in Raqqa ein, wo er auch unter anderem eine deutsche Kämpfertruppe besuchte. Ein Video auf Mohamed Mahmouds  Youtube-Kanal - der zu diesem Zeitpunkt noch im türkischen Gefängnis saß - zeigt al-Binali mit Denis Cuspert in einer Moschee miteinander plaudern. Im Herbst 2014 - so berichtet es die Washington Post - sei al-Binali wieder ins libysche Sirte gereist und soll dort seitdem im Auftrag des selbsternannten Kalifs Abu Bakr al-Baghdadi den libyschen Ableger von ISIS ideologisch anführen. Doch auch bei ihm scheint dies unwahrscheinlich zu sein. Denn Bilder legen wie bei Mahmoud nahe, dass al-Binali als frisch gebackener Vater nach wie vor in Syrien weilt.

Folgt man aber den Angaben des "Kuriers", dann stellt sich die Frage, wann die Aufnahmen mit Mohamed Mahmoud und al-Binali entstanden sind: Entweder traf Mahmoud den Prediger bereits 2013 bei seiner Einreise von Ägypten nach Libyen oder al-Binali hielt sich vor seiner Reise nach Libyen Ende 2014 ein zweites Mal in Raqqa auf und traf dort den Österreicher. Ob Mohamed Mahmoud den Prediger auch nach Nordafrika begleitete, bleibt mehr als fraglich. Österreichische Medien sehen aber in den Drohungen Mahmouds, ISIS werde bald in Rom einmaschieren, einen Hinweis auf einen möglichen Aufenthalt in Libyen. In jedem Falle müssten dann deutsche wie internationale Geheimdienste erklären, wie es passieren konnte, dass zwei solch bekannte Vertreter von ISIS offenbar problemlos die Grenzen zweier Kontinente überqueren konnten.

Anmerkung:
Mittlerweile hat sich Mahmoud selbst zu Wort gemeldet, der offenbar den Artikel gelesen hat. Er wirft mir vor, für den Artikel schlecht recherchiert zu haben. "Einiges ist richtig zum lachen", so der selbst ernannte Prediger. Es sei ein "totales Versagen beim recherchieren" im obigen Artikel zu behaupten, er habe "sich [erst] seit Haftentlassung Abu Usama Al-Gharib" genannt. Dabei zitiert der Koran-Experte offenbar nicht korrekt, denn der Satz ist nirgends im Artikel zu finden, sondern die Feststellung, dass der Österreicher mit der Verbrennung seines Passes mit seiner alten Identität des Mohamed Mahmouds brach und ab da an nur noch Abu Usama al-Gharib hieß, dem Kampfnamen, den er schon seit seiner Jugendzeit führt. Das Angebot an Mahmoud, mir gerne bei der Recherche zu helfen, schlug dieser bedauerlicherweise aus. "Den rest kannst du dreckskafir selber herausfinden", so der schmollende Terrorist.