Montag, 16. Februar 2015

Syrien-Verein "Helfen ohne Grenzen": Berliner Ärzte auf schmalem Grat


Werbebild von "Medizin mit Herz"
Die Berliner Hilfsorganisation "HSF Help sans Frontieres e.V." sammelt in Berlin Spenden für Syrien. Doch nach Recherchen scheint der Verein Verbindungen in die deutsche und syrische Islamistenszene zu unterhalten. Eine Rekonstruktion.


"Bruder Muhammed"

Anfang Juli 2014 flog der türkischstämmige Arzt, Bülent K., mit einem Flugzeug von Berlin nach Istanbul. Dort angekommen reiste er weiter in die türkische Grenzstadt Reyhanli in der südlichen Provinz Hatay. In Reyhanli erwartete ihn bereits sein Kollege, der aus Palästina stammende Sufyan Abu O., der bereits Tage zuvor aus Deutschland in die Türkei gereist war und in einem Krankenhaus in der Stadt arbeitete. Beide Ärzte wollten an der türkisch-syrischen Grenze medizinische Hilfsgüter aus Berlin verteilen und verletzte Syrer medizinisch versorgen.

PR mit Ärzten: Sufyan Abu O. (r.), "Bruder Muhammed"
Dann, irgendwann im Laufe ihres Aufenthaltes in der Stadt, liefen sie einem jungen Mann aus Deutschland namens „Bruder Muhammed“ über den Weg, so berichtete es jedenfalls Bülent K. auf seiner Facebook-Seite. Ein freundlicher junger Mann aus Frankfurt, der mit seiner Freundin und mehreren Mitstreitern in der Stadt unterwegs war. "Bruder Muhammed“ sei ebenfalls vor Ort gewesen, um Syrern zu helfen, so K.. Er pries den Frankfurter für seinen Mut tief ins syrische Hinterland hinein zu gehen, um dort Hilfsgüter an Bedürftige zu verteilen.

In Reyhanli habe der Mann mit seinen Mitreisenden drei Krankenwagen und zwei Fracht-Container mit sich geführt. Die Ärzte freundeten sich wohl mit den Deutschen an, es sei denn sie kannten sich schon länger. Drei Tage lang verbrachten die Berliner Ärzte und die junge Truppe aus Hessen und NRW gemeinsam in Reyhanli, „wo wir uns zusammen um die verletzten Menschen gekümmert haben“. Nach diesen Tagen sei „Bruder Dr. Sufyan“ gemeinsam mit den Freunden über den Grenzübergang Bab al Hawa nach Syrien eingereist, „um dort Spenden persönlich zu verteilen“, so Bülent K.

Belkaid-Brüder: Brahim (l.) und Mohammed (r.)
Bei den Deutschen handelte es sich um Mitglieder des als extremistisch eingestuften Vereins „Medizin mit Herz“ (ehemals „Medizin ohne Grenzen“), die der Salafisten-Szene im Rhein-Main-Gebiet zugeordnet werden. Ihr Cheforganisator, Mohammed Belkaid, dokumentierte das Zusammentreffen mit den beiden Ärzten für PR-Zwecke mit seiner Kamera und filmte O. und K. bei ihren Stippvisiten sowie Operationen in einem Krankenhaus in Reyhanli. Der Allgemeinmediziner Bülent K. warb später massiv auf seiner Facebook-Seite für „Medizin mit Herz“. „Wenn wir schon nicht aktiv sein können, dann müssen wir durch Spenden helfen, inshallah. Möge Allah uns alle rechtleiten.“

Elitärer Zirkel mit zweifelhaften Verbindungen

Sowohl Bülent K. als auch Sufyan Abu O. gehören selbst einem Verein namens „HSF Help sans Frontieres e.V.“ an - kurz: „Helfen ohne Grenzen“. Seine Besonderheit: Die Mitglieder und Helfer des Vereins sind fast ausschließlich Allgemeinmediziner und Chirurgen , die ihr Handwerk zum Teil an Berliner Top-Universitäten und Kliniken erlernten.
Was hinter der elitären Fassade steckt ist dagegen ernüchtern: Die Ärzte und Helfer kommen offenbar aus dem Umfeld der Berliner Salafisten um Abdul Adhim Kamouss und der Al-Nur-Moschee. Der Prediger ist bekannt für seine gewievten Harmlos-Auftritte in der nicht-muslimischen Öffentlichkeit. Unter Brüdern hetzt er gerne gegen Frauen und Ungläubige und unterstützt die Einführung der Sharia in den arabischen Ländern. Zwar verurteilt Kamouss sowohl ISIS als auch al-Qaida, jedoch gelten für ihn islamistische Terrorbrigaden wie Jabhat al Nusra und Ahrar al Sham zu den "Mujahedin", die auch theologisch legitimiert seien, den Kampf gegen die Ungläubigen zu führen.

Zum offiziellen Ärzteteam von „Helfen ohne Grenzen“ gehören drei Ärzte und ein Techniker: der aus Syrien stammende Allgemeinmediziner Dr. Mohammed A. (zuständig für „Presseanfragen“), ein Arzt der Thoraxchirurgie, Dr. Saher K. („Sponsoring medizinischer Geräte“, „RTWs“), der Unfallchirurg Dr. Sufyan Abu O. sowie der Ingenieur namens Abdulkader H. („RTWs“). Hinzu kommt der bereits erwähnte Allgemeinmediziner, Bülent K., der auf der offiziellen Vereinsseite nicht einmal erwähnt wird, obwohl er erheblich in den Tätigkeiten des Vereins involviert ist. Der Verein ist seit 2012 im Vereinsregister am Amtsgericht Berlin-Charlottenburg (VR 31851 B) eingetragen. 

Screenshot: Internetpräsenz von "HSF Help sans Frontieres"
Die Ärzte werben auf ihrer Internetseite damit „unabhängig von der Herkunft, dem Geschlecht, der Religion, der Ethnie oder der politischen Zugehörigkeit“ Notleidenden medizinische Hilfe leisten zu wollen. In der Vereinssatzung ist von der Förderung „internationaler Gesinnung, der Toleranz auf allen Gebieten der Kultur“ zu lesen. Der Verein fordere freie Meinungsäußerung, Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, einen ungehinderten Zugang zu Informationen sowie Reisefreiheit. Demgegenüber werde Rassismus, Intoleranz, Gewalt, Folter und Misshandlung, willkürliche Festnahmen und Entführungen sowie die soziale und wirtschaftliche Diskriminierung von Menschen abgelehnt. 

Bülent K.: Glaubensbekenntnis am OP-Tisch
Fraglich ist dabei, wie die Verantwortlichen diese Grundsätze erfüllen wollen, wenn sie sich gleichzeitig im Umfeld radikaler Sektierer bewegen. Mit Bülent K. und Sufyan Abu O. kooperieren zwei Vereinsmitglieder eng mit den Frankfurter Islamisten aus dem Umfeld von Abu Abdullah, Pierre Vogel, Abu Dujanah und Ibrahim Abou Nagie. „Medizin mit Herz“ steht nicht nur im konkreten Verdacht Ahrar al Sham und Jabhat al Nusra in Nordsyrien zu begünstigen, sondern auch der NRW-Verfassungsschutz unterstellt den Verantwortlichen um Mohammed Belkaid in Deutschland „verfassungsfeindliche Aktivitäten“. Dass die Ärzte über den wahren Hintergrund Belkaids nicht informiert gewesen sein könnten, scheint ausgeschlossen. Denn welcher Arzt, der seinem Verhaltenscodex folgt, posiert mit schwer verletzten Rebellenkämpfern auf dem OP-Tisch mit erhobenen Zeigefinger zum Zeichen seines sunnitischen Glaubens (wie hier Bülent K.)? 

Mohammed A. in fragwürdiger Gesellschaft
Darüber hinaus zeigen Fotos den aus Homs stammenden Arzt Dr. Mohammed A. in der al-Nur-Moschee, wie er nach einer Predigt von Abdul Adhim Kamouss Geld von den Gläubigen einsammelt. Ein weiteres Bild zeigt A. Händchen haltend mit dem saudischen Prediger Mohamad al-Arefe, der aufgrund seiner extremistischen Ideologie von mehreren europäischen Ländern Einreiseverbote erhalten hat. Al-Arefe, der selbst vom saudischen Königshaus als Spinner bezeichnet wird, forderte im Sommer 2013 im arabischen Fernsehen die Muslime zum heiligen Krieg in Syrien auf. Auf Facebook forderte er zudem die Wiederauferstehung des islamischen Kalifats im Irak und der Levante, um “die Grenzen der Demütigung und Schande” zu sprengen. Das Schweizer Bundesamt für Migration sagte damals über ihn: “Er ist eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung”.

Mit Abdulkader H. steht ein viertes Mitglied der Organisation im Zwielicht, vorausgesetzt, potenzielle Spender sollen den politischen Neutralitätsanspruch der Verantwortlichen ernst nehmen. Der Syrer ist eine aktive Oppositionsfigur der syrischen „Nationalkoalition“ der Berliner Gemeinde. Offenbar regelmäßig trifft er sich mit der Exilopposition im von der Bundesregierung eingerichteten „Verbindungsbüro“. Auf Youtube hat die Opposition mehrere Videos mit ihm hochgeladen, in denen
Abdulkader H. im "Verbindungsbüro"
er vor Krankenwagen steht und um Hilfe für die Opposition und deren Kämpfer wirbt. Auf dem gleichen Youtube-Kanal sind auch Videos hochgeladen, die Kriegsszenen enthalten. So zeigt ein Film, wie mehrere Dutzend gefangen genommener syrische Soldaten vorgeführt werden und ihren Namen und Herkunftsort nennen müssen. Sie werden geschlagen und getreten. Die Rebellenkämpfer scheinen einer radikal-islamistischen Miliz angehört zu haben.

Offiziell heißt es, der Zweck des Vereins sei die Hilfeleistung dort, wo sie am dringlichsten sei. Dies sind offenbar vor allem Gaza und Syrien, für die der Verein wohl hauptsächlich gegründet wurde. Man bitte daher um Spendengelder sowie alles Nützliche für das alltägliche Leben wie Bettdecken, Heizöl, Zelte oder Essenspakete. Auf Seminaren, Vorträgen, Predigten und Basaren wird an die „Brüder und Schwestern“ appelliert, fleißig für das Ärzteteam zu spenden. Allein in einer Februar-Woche 2015 soll der Verein 12.000 Euro gesammelt haben. Was mit den Spenden letztlich passiert, ist wie bei vielen anderen Syrien-Organisationen nur anhand von Videos und Bildern in den sozialen Netzwerken nachzuvollziehen. Die Verantwortlichen posieren vor ausgemusterten Krankenwagen und LKW‘s, lassen sich mit Kriegsversehrten ablichten oder bei Operationen bzw. Behandlungen filmen.

Ahnungslose Sponsoren?

Die Höhe der erhaltenen Spendensummen ist bislang unklar. Der Verein gibt mehrere Großunternehmen als Sponsoren bzw. Partner an, darunter die Linde Group, Intersurgical und Storz.
Häufig anzutreffen: Vivantes
Sehr häufig tragen die Verantwortlichen T-Shirts und Plakate mit dem Aufdruck von Vivantes, dem bundesweit größten kommunalen Krankenhauskonzern in Berlin. Mehrere Ärzte sind oder waren in Vivantes-Krankenhäusern und -stationen tätig. In einer Pressemitteilung teilte das Unternehmen im September 2014 mit, dass ihr Klinikum in Neukölln zur Behandlung von schwerverletzten palästinensischen Frauen und Kindern mit dem Verein „HoffnungsBrücke Berlin“, „PalMed Deutschland“ und auch mit „Help sans Frontieres“, also „Helfen ohne Grenzen“ eine Kooperation eingegangen sei. 

Ob diese Zusammenarbeit weiter bestehen würde, wenn dem Unternehmen die dubiosen Aktivitäten der Vereinsmitglieder in Deutschland und Syrien bekannt werden würden? Dies erscheint zumindest fraglich zu sein. 
Denn die Kooperation zwischen „Helfen ohne Grenzen“ und „Medizin mit Herz“ scheint bis heute weiter zu bestehen. So teilte Mohammed Belkaid, der momentan im syrischen Idlib weilt, Mitte Februar 2015 auf der Internetseite von „Medizin mit Herz“ mit, man bedanke sich bei den Spendern aus Berlin und „Dr. K.“, „die durch ihre zahlreichen Sach- und Geldspenden geholfen haben […] Hilfe möglich zu machen.“ Fraglich ist, ob die überwiegend aus Berlin stammenden Spender von „Helfen ohne Grenzen“ diesen Dank ebenso unterschreiben würden.