Mittwoch, 21. Januar 2015

Spendennetzwerk in Syrien: Wer ist Abu Ali?



Die Hilfsorganisation „Medizin mit Herz“ (ehem. „Medizin ohne Grenzen“) könnte bald Post von der Justiz bekommen. Nach der erzwungenen Namensänderung des Vereins durch die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen", dem Verlust einer wichtigen Mitarbeiterin und eines immer größer werdenden Drucks durch die nordrhein-westfälischen Sicherheitsbehörden, scheint es nun klare Indizien dafür zu geben, dass die Organisation von Mohamed Belkaid entgegen eigener Beteuerungen radikale Djihad-Gruppen in Syrien unterstützt, die gegen den syrischen Diktator Assad kämpfen. 

Lange Zeit blieb unklar, wohin und an wen die Hilfsgüter der Organisation in Syrien geliefert wurden. Nun scheint sich zu offenbaren, dass eine Gruppe von Männern im Norden der syrischen Provinz Idlib eine Schlüsselrolle bei der Verteilung der Spendenmittel von „Medizin mit Herz“ und anderer salafistischer Organisationen einnimmt. Das Problem: Die in Syrien operierenden Verantwortlichen pflegten in der Vergangenheit nicht nur enge Verbindungen zu deutschen Djihadisten, sondern könnten selbst al-Qaida nahen Rebellengruppen angehören.

"Staatsschutz, BKA und Trallala"

Mirza Tamoor B.
Im Spätsommer 2014 reiste der gebürtige Pakistaner Mirza Tamoor B. von Bergisch-Gladbach nach Syrien. Sein Ziel war die nördliche Provinz Idlib, direkt hinter der türkisch-syrischen Grenze. In seinem Gepäck: Mehrere Tausend Euro, bestimmt für den syrischen Djihad. Von der türkischen Stadt Reyhanli aus passierte er ohne große Probleme den Grenzübergang Bab al-Hawa. Die türkischen Grenzbeamten winkten ihn freundlich durch die Absperrungen. „Erdogan, möge Allah ihm ein langes Leben schenken, unterstützt uns“, war sich Tamoor B. sicher. Irgendwo in der syrischen Grenzregion des "Dreistädteecks" - Harem, Salqin und Kafr Takharim - weit im Norden der Provinz Idlibs, traf er auf zwei Männer: Einen sympathischen jungen Deutsch-Tunesier namens Sabri Ben Abda und einen Syrer, der sich als Mus'ab Ali vorstellte. 

PR-Profi: Sabri Ben Abda
Ben Abda, ein bekannter Salafist aus Köln, war auf Wunsch von „Timur“, wie Islamisten ihn in Deutschland nennen, nach Syrien gekommen. Mit seinen HD-Kameras und seiner redaktionellen Expertise für salafistische Medienplattformen, sollte Ben Abda "Timur" bei den Spenden-Verteilungen in der nördlichen Grenzregion für Propagandazwecke wirkungsvoll in Szene setzen. Abda kannte sich in Idlib bereits gut aus. 2013 war er mit anderen Islamisten der Düsseldorfer Hilfsorganisation „Helfen in Not“ nach Syrien gereist. In Harem soll er dann bei der Verschleppung dreier deutscher Mitarbeiter von „Grünhelme e.V.“ durch syrische Extremisten beteiligt gewesen sein. Deutsche Behörden verhöhnt Ben Abda in Videos aus Syrien mit dem Satz "Der Staatsschutz, BKA und Trallala, hier kannst du gucken, was böse Muslime so in Syrien treiben."

Der Zweite im Bunde, der Syrer Ali, der von "Timur" auch mit dem Kampfnamen "Abu Ali" angesprochen wurde, trat bisher in den sozialen Netzwerken für eine Hilfsorganisation mit dem Namen „Nasaem Al Mahabba – die Gemeinde von Kafr Takharim“ auf.  Wie "Timur" berichtete, stamme der Mann mit dem langen schwarzen Rauschebart aus den Bergen nördlich von Idlib. Im syrischen Bürgerkrieg habe er zwei Schwiegersöhne verloren, die im Kampf "shahid" gefallen seien.
Vermutlich half Abu Ali den beiden deutschen Salafisten nicht nur dabei Geld und Hilfsgüter in Nordsyrien unter das Volk zu bringen, sondern er bürgte wohl auch mit seiner Anwesenheit für die Sicherheit von "Timur" und Ben Abda, die sich mit ihren deutschen Pässen in den Kerngebieten radikal-islamistischer Rebellengruppen bewegten und trotz ihrer islamistischen Gesinnung potentielle Ziele für Entführungen und Anschläge darstellten. Ali begleitete "Timur" und "Bruder Sabri" stets bei ihren Touren und führte sie zu Familien meist gefallener Gotteskrieger, wobei zunächst unklar ist, welcher Partei diese angehörten.

"Wir werden sie zur Schule schicken und dann aus ihnen eine Elitetruppe machen"
 
Mitte: "Timur"/Rechts: "Abu Ali"
In den Videos, die Sabri Ben Abda später auf der einschlägig bekannten „Habibiflo“-Plattform auf „Youtube“ („Die Wahre Religion“) dann hochlud, offenbarten "Timur" und seine Mitstreiter ihre eigentliche Mission in Syrien. „Hier herrscht die Sharia. Hier werden die Frauen nicht von den Yeziden, Shias und Kuffars beleidigt wie in Deutschland. Und wir sind die Soldaten der Sharia“, erklärt der Deutsch-Pakistaner in einem Filmausschnitt. Eine vollkommen verschleierte Frau steht hinter ihm. Mit dicken Bündeln von Geldscheinen, Euro und syrische Pfund, wedelt er vor der Kamera herum und drückt sie nach einer langen Vorrede in die kleinen Hände syrischer Kinder. 

Ob das Geld aus Deutschland stammte, dass seine Handlanger in Köln, Siegen und Bergisch-Gladbach aus den Einbrüchen und Diebstählen in Kirchen und Schulen locker gemacht hatten? Das zumindest wirft ihm heute die Bundesanwaltschaft vor. In Syrien jedenfalls warb er bei seinen „lieben Geschwistern und Nichtmuslimen“ darum, den „Waisenkindern“ in Idlib zu spenden. Es sei ihre Pflicht, die „Ummah“ zu retten. „Auch wenn du von Hartz 4 lebst kannst du diese Familien monatlich mit 50 Euro unterstützen“. Diejenigen, die nicht spendeten, seien verdammt und würden die Folgen ihres Handelns auf die eine oder andere Weise zu spüren bekommen. 
 
Kind eines getöteten Djihadisten
Die Videos wurden professionell im Stil der djihadistischen Propaganda produziert. Sabri Ben Abda verstand es, Emotionen durch Nahaufnahmen von Gesichtern der Kinder und der beiden Bärtigen Abu Ali und "Timur" einzufangen. Islamistische Kampf- und Klagelieder sowie auswendig gelernte Parolen der Kinder fügen sich klassisch in die militante Atmosphäre. Zudem blitzen in den Videos immer wieder Shahada-Inschriften und die Flagge des islamischen Staates (IS) auf. Eine klare Botschaft.

Tränenreiche Inszenierung: Abu Ali und Timur
Die Kinder, so "Timur", seien die einzige Hoffnung für die Muslime in Syrien. „Das ist die Zukunft für die Ummah und den Islam“, sagt er beispielsweise in einem Video und deutet dabei auf einen fünf- oder sechsjährigen Jungen. „Das Geld wird - inshallah bismillah - mit den Plänen, die wir haben, den Kindern eine Zukunft geben. Wir werden sie zur Schule schicken und dann aus ihnen eine Elitetruppe machen". Diese würden dann den Kampf für die Ummah weiterführen. "Ich finanziere nun eine Familie seit zwei Jahren und ich werde dies weiterhin tun, bis, inshallah, diese Kinder in den Kampf ziehen werden." 

Für das Eintreiben der deutschen Spendengelder habe man eine Hilfsorganisation gegründet. Der zynische Name: „Organisation für Frieden und Hilfe (OPH)“. Die Einträge auf der Facebook-Seite der „Organisation“ deuten darauf hin, dass die Arbeit Mitte November 2014 eingestellt wurde. Denn die meisten „Mitarbeiter“ waren wohl zu diesem Zeitpunkt bereits vom BKA festgenommen worden. Auch ihr Anführer "Timur" sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft: Dutzende Einbrüche und Diebstähle in Deutschland, Betrug, Unterstützung von terroristischen Vereinigungen wie "Ahrar al Sham" und "ISIS", sowie das Einschleusen von mindestens zwei deutschen Djihad-Kämpfern nach Syrien. „Timur wurde wegen seiner humanitären Arbeit für Syrien festgenommen.“, behaupten dagegen seine Unterstützer von „Ansarul Aseer“

Al-Qaida als Adressat?

Scheint der Geldfluss von "Timur" an die Djihadisten in Harem und Kafr Takharim im Novemeber 2014 also versiegt  zu sein, zeigte die von Mohamed Belkaid geleitete Organisation „Medizin mit Herz“ bisher eine große Bereitschaft, dem Syrer "Abu Ali" und dessen Vereinsableger Hilfsgüter in erheblichen Umfang zukommen zu lassen. Fast wöchentlich veröffentlicht Belkaid auf der Facebook-Seite des Vereins die stets auf die selbe Art und Weise gestellten Bilder mit Mus'ab Ali, der mit kleinen Kindern und Tüten voller Lebensmittel darauf posiert. Ob Sabri Ben Abda auch für Belkaids Organisation Videos und Bilder produziert ist unklar. Zumindest machte der Inhaftierte "Timur" in einem Video klar, dass "Ali" und "Sabri" auch unabhängig von ihm in Idlib zusammenarbeiten würden. Doch ist die Verbindung von Belkaid und den beiden anderen über den Syrer "Abu Ali" ein Zufall ?

Facebook-Seite von "Nasaem al Mahabba"
Eine intensivere Recherche über die Organisation, die Abu Ali angeblich in Kafr Takharim repräsentiert, liefert ernstzunehmende Belege dafür, dass der Mann zur syrischen Terrorgruppe Jabhat al-Nusra gehören könnte. Denn auf Facebook existieren Internetpräsenzen der Organisation sowohl in arabischer als auch englischer Sprache. Auf einer dieser Seiten deuten zunächst mehrere Text-Beiträge darauf hin, dass der Verein mit anderen islamistischen Vereinigungen vernetzt ist und durch die qatarische Stiftung "Qatar Charity" ebenfalls mit Hilfsgütern unterstützt wird. 

 Auffällig sind zudem die geposteten Videos und Bilder mit "Abu Ali", die für die Organisation "Medizin mit Herz" produziert wurden. Brisant ist jedoch insbesondere ein Link-Verweis ("www.facebook.com/muhammad.seif.54") auf der linken Hälfte der beiden Facebook-Seiten. Er führt auf das Profil eines jungen Mannes namens "Muhamad Hamed", der sich ebenfalls in Kafr Takharim aufhalten soll und wohl der Gründer von "Nasaem Al Mahabba" ist. 

Möglicher Kontaktmann der Belkaids: "Muhamad Hamed"
Der Mann, der eine gewisse physiognomische Ähnlichkeit zu den Belkaid-Brüdern aufweist, ist offenbar ein Kämpfer. Hochgeladene Bilder zeigen ihn mit Sturmhaube über dem Kopf und einem
Scharfschützengewehr in seinen Händen. Weitere Bilder zeigen, dass der Mann mit ISIS sympathisiert. Obwohl "Muhamad Hamed" syrischer Herkunft sein soll, scheint er die deutsche Sprache zu verstehen, denn unter seinen Favoriten ist auch der deutsche Radiosender "Radio Uahid" zu finden, "der für die deutschsprachige Ummah" islamistische Propaganda verbreitet. Ob der Mann womöglich mit Belkaid verwandt ist, bleibt momentan unklar.  

Satellitenbild: Syrisch-türkisches Grenzgebiet in der Provinz Idlib
Die Wahrscheinlichkeit, dass die Organisation von Mohamed Belkaid über "Abu Ali" und "Muhamad Hamed" die Hilfsgüter an die Terrororganisation Jabhat al Nusra weiterleitet (oder an die Familien ihrer Kämpfer), ist durch die erhebliche Veränderung der Machtkonstellationen in der Provinz Idlib als wesentlich höher einzustufen, als noch zu "Timurs" Syrien-Reisen im Sommer letzten Jahres. Denn im darauffolgenden Herbst 2014 gelang es der Nusra Front konkurrierende Djihadistengruppen (u.a. auch die von den USA unterstützte Rebellengruppe "Hazzm") aus der Provinz zu vertreiben und stattdessen die Kontrolle über weite Gebiete zu übernehmen. So fielen auch die Städte Harem, Salqin und Sarmada in die Hände der mit al-Qaida verbündeten Terrortruppe, die nur wenige Kilometer von Kafr Takharim entfernt liegen, dem Zielort der Hilfsgüter von "Medizin mit Herz".  

Der syrische Journalist Edward Dark (Pseudonym), der für die renommierte libanesische Zeitung „Al-Monitor“ aus der umkämpften Großstadt Aleppo berichtet, bestätigte mir, dass die Nusra Front im Grunde die gesamte Provinz Idlib kontrolliere. Alle anderen Rebellen seien entweder geflohen oder würden sich dem Diktat der Gruppe unterwerfen. Die Präsenz der Nusra-Brigaden in Städten und Dörfern rund um Kafr Takharim kann also nicht geleugnet werden. Zugleich beherrscht die nicht minder brutale Islamistengruppe Ahrar al-Sham den türkisch-syrischen Grenzübergang Bab al-Hawa. 

Rot markiert: Salqin
In jedem Fall also müssen die Lastwagen von "Medizin mit Herz" auf dem Weg nach Kafr Takharim über Bab al-Hawa Gebiete passieren, die von extrem radikalen und brutalen sunnitischen Djihadisten kontrolliert werden, die je nach Tageslage gegeneinander oder miteinander kämpfen. Die Islamisten würden niemals die deutschen Transporte durchlassen, wenn ihnen nicht klar sein dürfte, von wem diese Hilfsgüter kommen und wer von diesen profitiert. 

Mit einem simplen Fehler haben sich die syrischen Kontaktmänner von Belkaid und Co. dann auch verraten. Denn "Muhamad Hamed" hat mehrere Bilder auf Facebook über sein Handy hochgeladen. Auf mehreren Aufnahmen wird klar gezeigt, dass sich der Kämpfer außerhalb von Kafr Takharim herumtrieb und zwar in der benachbarten Kleinstadt Salqin. Dort herrscht aber Jabhat al Nusra.

Der Verdacht erhärtet sich somit massiv, dass „Medizin mit Herz“ ihre deutschen Spender entgegen ihrer selbst propagierten Grundsätze, Menschen in Not „ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft und ihrer politischen oder religiösen Überzeugung" zu helfen, bewusst getäuscht hat. 

Statt die Hilfsgüter an die über eine Million Flüchtlinge in der Türkei zu verteilen, zog es Mohamed Belkaid offenbar vor, in den von Jabhat al-Nusra dominierten Gebieten zu operieren. Es bleibt abzuwarten, ob die deutschen Behörden weiterhin dem Treiben von Mohamed Belkaid zusehen werden oder ob ein juristischer und polizeilicher Schlag unmittelbar bevorsteht.